Wappen der 'verbürgerlichten' Wizlawiden
Keine Bahn ist keine Lösung! - Erhalt der Bahnstrecke Velgast - Barth!
alle Besucher seit 2003:
hit counter
Free counters!



powered by FreeFind
Tschüss Vattenfall! - Diese Website wurde mit sauberem Strom der EWS Schönau erstellt.
Fukushima mahnt: Alle AKWs abschalten!
Keinen Krieg! Nirgends!
Nie wieder Faschismus!
Hier gehts zu  Mittelalter Top 100
BuiltWithNOF
6. Sagen

Wislaw und Witzlaw
– ein Garzer Märchen –

von Jens Ruge, Hamburg

Hier könnt ihr dieses Märchen als PDF-Text downloaden.

Zeit der Handlung:
1290

Orte der Handlung:
1. Teil: Fürstenburg Garz
2. Teil: Königsburg Vordingborg

Handelnde Personen:
Prinz Wislaw, Minnesänger und - als Mitregent seines Vaters - jüngerer Fürst der Rujanen
Satko, sein Schildknappe
Botilde, ehemalige Amme von Wislaw und seinen Geschwistern
Bertram, Wächter auf der Garzer Burg
Burgvogt auf Vordingborg
Prinzessin Margarete
, Schwester des jungen Königs Erik VI. Menved von Dänemark
Prinz Julius-Augustus de Ponte Tevere, erster Konkurrent um die Hand der Prinzessin
Prinz Ludwig von Burgund, zweiter Konkurrent um die Hand der Prinzessin
Ritter Grootmaul von Dummbatz, dritter Konkurrent um die Hand der Prinzessin
und
Witzlaw, ein frecher und vorwitziger Greif mit übergroßem Ego

Erzähler

Der freche Greif
oder

Ohne Witzlaw wäre alles sooo schön einfach!

„He, he, Wislaw, was soll das?!” Aufgeregt flügelschlagend und bedrohlich nah über dem Kopf des so Angesprochenen kreist ein seltsames Etwas, das wie ein Adler aussieht. Aber ist das wirklich ein Adler, dieses Wesen mit vier Beinen und zwei Flügeln?
„Du siehst doch, dass Sambor und ich Bogenschießen üben. Da musst du doch nicht gerade hier herumfliegen.” „Wislaw kann nicht Bogenschießen und trifft immer nur daneben, ha, ha, ha! Ich könnte das viel besser!” Das Tier hat sich inzwischen auf einem Mauersims niedergelassen und hüpft abwechselnd auf beiden Adlerkrallen und beiden Löwenpranken vergnügt hin und her. Nun wissen wir, was es ist: Es ist ein Greif. „Wislaw kann's nicht, aber Witzlaw kann's, ha, ha, ha!” „Dann zeig' uns mal, was du drauf hast, du vorlauter Schnabel!” Und schwupp ist der Greif Witzlaw auch schon auf und davon, geradewegs in die Krone eines Birnbaums, der gut und gerne schon dreihundertfünfzig Jahre erlebt haben dürfte und direkt neben dem mit Palisaden geschützten Wehrgang jener Burg steht, in der die Fürstenfamilie von Rügen seit kurzer Zeit wohnt.
„He, du da oben! Jetzt habe ich aber die Nase voll, du vermaledeites Federvieh!” hört man plötzlich den Wächter Bertram schimpfen. „Die Nase voll. Ha, ha, ha, das stimmt sogar! Bertram, Bertram, langsam solltest du wissen, dass ich kein Federvieh bin. Naja, zumindest kein gewöhnliches. ICH bin ein Adler und ein LÖWE!” „Du und ein Löwe? Dass ich nicht lache!” Beinah hätte den armen Wächter noch ein Flatsch getroffen.
Inzwischen ist auch Wislaw, einer der beiden Söhne des Fürsten, am Ort des Malheurs angekommen. Bertram zeigt auf den Nasenschutz seines Helms: „Seht, lieber junger Herr, was dieser dumme Vogel wieder angestellt hat.” „Dummer Vogel, dummer Vogel, selber dummer Vogel!”, schallt es von oben. „Das geht nun schon die ganze Zeit so.” „Bertram, lasst Euch von Meister Kowalek aus Kowall einen Eisenhut fertigen, so wie sie heutzutage in Mode sind, einen mit extra breiter Krempe. Dann kann Euch dieser Witzlaw nicht mehr schaden. Meister Kowalek ist der beste Schmied weit und breit. Und die Rechnung soll er mir geben.” „Tausend Dank, lieber Herr!”

So vergingen die Tage. Der Wächter hat seinen Eisenhut mit extra breiter Krempe und ist glücklich damit. Der Greif hat keinen Spaß mehr daran, ihn zu ärgern und spielt die beleidigte Leberwurst. Und jetzt kommt auch noch ein Bote aus Dänemark zur Fürstenburg geritten, die von Woche zu Woche schöner wird. Die meisten Bauten im Wall sind aus Holz, auch das Wohnhaus der Fürstenfamilie. Holzhäuser können warm und wohnlich sein, wenn sie richtig gebaut werden. Und das können die Leute aus den zwei Dörfern daneben, die beide Garz heißen.
Nicht nur das, auch eine Kirche bauen sie gerade auf einem Hügel neben den beiden Siedlungen. Aus Stein! So verwundert es nicht, dass sich der Fürst auch eine Kapelle zu Ehren der Jungfrau Maria aus Backsteinen von den begabten Handwerkern in seiner Burg errichten lässt.
Der Fürstenfamilie und allen anderen Burgbewohnern gefällt's. Nur einem nicht. Der kommt gerade im Sturzflug aus seinem Nest im Birnbaum auf den Sims, auf dem er immer zu landen pflegt. Direkt neben Wislaw, der dort auf einer Bank sitzt und irgendetwas mit einem Griffel auf ein Wachstäfelchen kratzt. „Was machst du da?”, und hackt mit seinem Schnabel in die Wachsfläche. „He, lass' das!” „Ihr lasst mich doch auch nicht in Ruhe. Wie schön ruhig war es hier die ganzen Jahre. Jetzt wühlt ihr alles um.” „Ei, sag' bloß, dass dir die alten Bruchbuden gefallen haben? Und dass hier nichts los war?” „Nichts los, nichts los. Wenn ich was erleben wollte, bin ich zu den Dörfern geflogen und habe den Menschen zugesehen und über sie gelacht.” „Das sieht dir wieder ähnlich! Und so etwas habe ich auch noch zu meinem Wappentier gewählt, da hätte ich genauso einen Papageien oder einen Affen nehmen können.” „Papagei! Affe! ICH bin das edelste Tier! ICH bin Adler und Löwe zugleich! Und jetzt zeig' mal her, dein Wappen!”
In der Hoffnung, so Witzlaw zufrieden zu stellen und loszuwerden, holt Wislaw seinen Schild, der auf goldenem Grund einen schwarzen Greifen zeigt, mit stolzgeschwellter Brust, prächtigen Flügeln und wehrhaft gereckten Fängen und Pranken. „Das soll ich sein? Ha, ha, ha!” Dabei führt Witzlaw wieder seinen Greifentanz auf: „Wislaw kann nicht malen, Wislaw kann nicht malen! Ha, ha, ha!”
Endlich erhebt er sich in die Lüfte. Wislaw atmet auf, nimmt seine Wachstafel, drückt das Loch darauf wieder zu und versucht sich zu konzentrieren.

„Ich erwähle dich aus allen Frauen,
und seh’ dich lieblich vor meinen Augen.

Das ist schon mal gut! Aber was reimt sich auf Frauen? Trauen!

Ich erwähle dich aus allen Frauen,
und seh’ dich lieblich vor meinen Augen.
Herzliebste, nur dich möcht' ich trauen!

Das ist es!” „Nein, das ist es nicht, lieber junger Herr!” Wislaw schaut sich erschrocken um. Die entschiedene und zugleich einfühlsame Stimme gehört Botilde, die einst seine und seiner Geschwister Amme gewesen ist. Sie stammt aus Dänemark, dessen König auch der Lehnsherr der Rügenfürsten ist. „Wenn Ihr der Prinzessin Margarete gefallen wollt, dann dürft Ihr nicht so fordernd auftreten.” „Fordernd?” „Ja, Ihr stellt mit diesen Worten nur Eure eigenen Wünsche dar. Ihr müsst aber versuchen, sie zu loben und zu preisen, sie für Euch gewinnen, ohne Euch dabei zu erniedrigen.” „Wie soll ich so etwas schaffen? Minnesang ist ja noch viel schwerer, als Magister Ungelarte immer sagt.” „Ihr schafft das schon, Herr Wislaw. Nehmt doch einfach 'trauen' in einer anderen Bedeutung.” „Ihr seid eine gute Seele, Botilde!

Ich erwähle dich aus allen Frauen,
und seh’ dich lieblich vor meinen Augen.
Herzliebste, nur dir möcht' ich trauen!

Nein, nein, nein.

Ich erwähle dich aus allen Frauen,
und seh’ dich lieblich vor meinen Augen.
Herzliebste, nur zu dir hab' ich Vertrauen!

Auch nicht.” Botilde sieht, dass Wislaw keine Lust mehr hat: „Schlaft eine Nacht darüber. Dann sieht die Welt schon wieder ganz anders aus.”
Nun wissen wir auch, welche Nachricht der Bote gestern auf die Garzer Burg brachte.
Wislaw will gerade seine Sachen zusammenpacken, da saust auch schon ein Bekannter über beider Köpfe hinweg, zielt auf Wislaws schön mit einem Drachenköpfchen verzierten Schreibgriffel, schnappt sich ihn mit seinen Adlerkrallen, startet mit kräftigen Flügelschlägen durch und reißt dabei Botilde das Schleiertuch vom Kopf. Zwei völlig verdutzte Menschen hören nur noch ein altbekanntes Ha-ha-ha von ganz oben.
„Ich rupfe dir alle Federn einzeln aus!”, drohend reckt Wislaw eine Faust gen Himmel: „Der Griffel ist ein Geschenk vom Magister, als ich das erste Mal eine sehnende Weise singen konnte. Ich könnte heulen.” „Kopf hoch, junger Herr!” „W-was? Ach so, ja. Hier, Euer Tuch.” Wislaw hatte es im Unterbewusstsein aufgefangen. „Danke! Den Griffel bekommt Ihr sicher wieder, irgendwann.”
Wislaw will sich nur noch hinlegen und nichts mehr sehen und hören von der Welt. Zum Abendmahl hatte er kaum etwas gegessen. Da sich alle an der Tafel, seine Familie wie die Bediensteten, Sorgen machen, berichtet nun Botilde über das Vorgefallene.

Witzlaw stibitzt Wislaw den Schreibgriffel

Am nächsten Morgen trifft Botilde Wislaw, der immer noch ein mürrisches Gesicht zeigt. „Dobrë jutro, Herr Wislaw! Na, geht es Euch wieder besser?” Sie legt ihm dabei den Arm auf die Schulter. „Ich wünsche Euch auch einen Guten Morgen.” Wislaw versucht zu lächeln. „Naja, es geht schon. Und danke, dass Ihr Euch so um mich sorgt. Dann muss ich eben den alten Griffel wieder nehmen.“ „Müsst Ihr nicht! Bertram hat eine Idee, wie wir den Witzlaw überlisten können. Kommt mit, wir treffen uns am Brunnen.“, fügt sie verschwörerisch hinzu.
Gesagt, getan. Der Brunnen befindet sich an der Mitte des Wegs, der vom Tor kommend leicht ansteigt und im Halbkreis zu den Wohngebäuden im Süden der Burg führt. Beim Brunnen zweigt auch noch ein Trampelpfad zu den Stallungen und Tränken am nördlichen Hügel mit seiner großen Pferde- und Schafweide ab. Alle drei stecken ihre Köpfe zusammen. Was sie tuscheln, können wir aber nicht hören. Dann sind Wislaw und Bertram verschwunden.
Wenig später schleicht der Prinz zum Wehrgang, bekleidet mit einem eng anliegenden Rock. Er hat sich eine Kapuze über den Kopf gezogen und über seinen Schultern hängt ein zusammengerolltes Seil.
Wislaw hat gerade den Palisadenzaun erreicht, als Botilde plötzlich aus Leibeskräften schreit: „Bertram, Bertram, hilf mir! Im Brunnen ist etwas! Ein Unwesen!“ Der Gerufene kommt auch sofort zu ihr gerannt. Und – wie erhofft – ist auch noch jemand anderes aufmerksam geworden, kommt nach unten geglitten und – „Platz da!“ – setzt sich auf den Brunnenrand. „Was für ein grässliches Tier!“, ruft Botilde aus, als sie Witzlaws Ebenbild im Wasser sieht. „Wer hat hier 'grässliches Tier' gesagt? Das bin ICH!“ „Ach, das bist du? Aber da ist noch etwas drin.“ „Ich sehe nur mich... und ich sehe auch, dass Bertram seinen dummen Eisenhut gar nicht auf hat. Ha, ha, ha!“
Inzwischen ist Wislaw am Birnbaum angelangt und klettert die Leiter hinauf, die wie verabredet der Wächter an den Stamm gelehnt hatte. Sobald er einen dicken Ast greifen kann, schwingt sich der Prinz in die Laubkrone. Dann bindet er das Seil, das am anderen Ende um seine Hüfte gegurtet ist, am Stamm fest. So klettert er weiter, bis der Greifenhorst fast erreicht ist.
„Was für eine herrliches Fleckchen Erde!“, entfährt es Wislaw, als er seinen Blick schweifen lässt, über den See mit dem kleinen Hafen, über das slawische Garz mit der Kirchenbaustelle und über das deutsche Garz. „Dahinten liegt Kowall und dort Wislaweshagen.“ Auf Letzteres ist er besonders stolz, denn diesen Weiler hat er als mitregierender junger Fürst vor kurzem selbst gegründet und drei Bauernfamilien damit eine neue Heimat und ein Auskommen gegeben. Und dann sieht er die große freie Fläche direkt vor der Burg: „Hier wird bestimmt die neue Stadt gebaut werden.“ Am See daneben schließt sich der Kreisrund.
Wislaw schwenkt seinen Blick über die Burg – und stellt mit Erschrecken fest, dass er ja einen Auftrag hat: Bertram rennt über die Burgwiese, Haken schlagend und immer darauf bedacht, sich so weit wie möglich vom Birnbaum zu entfernen. Botilde wedelt mit ihrem Schleiertuch um sich. Und was treibt Witzlaw? Er versucht Bertram zu folgen.
Gleich hat es Wislaw geschafft. Nur noch ein Stückchen. Jetzt kann er in das Greifennest greifen und hält auch schon das Geschenk des Magisters Ungelarte in der Hand. Jetzt schnell wieder hinunter klettern, das Sicherungsseil lösen und die Leiter hinab.
Das war keinen Moment zu früh, denn schon kommt Witzlaw angesegelt. Mit seinen Adleraugen erspäht er auch schon Wislaw auf dem Wehrgang und sieht im Vorbeiflug, dass der Schreibgriffel im Nest fehlt: „Na warte! Du hast meinen Horst geplündert. Jetzt bekommst du das Gleiche ab, wie Bertram!“ „Wer hier wen bestohlen hat, ist ja wohl klar!“, gibt Wislaw zurück, der dummerweise seine Gugel – denn so heißt diese Kapuze – schon vom Kopf gezogen hat. Das hätte er nicht tun sollen, denn der „Dank“ des Greifen folgt auf der Stelle.
Als Botilde den bekleckerten, aber freudestrahlend den Griffel schwenkenden Prinzen erblickt, ruft sie aus: „Da hat ja unser Plan bestens geklappt! Jetzt könnt Ihr wieder mit Freude dichten. Aber vorher geht es ab in den Zuber, denn ich muss euch beiden erst einmal die Haare waschen.“

Frisch gewaschen und neu eingekleidet zieht es Wislaw auf seine „Dichterbank“: „Wo war ich stehen geblieben? Ach so: Was reimt sich auf Frauen? Das mit 'trauen' war alles nicht so gut. Schauen! – Damit muss es etwas werden.“
Zu allem Unglück wartet auch schon jemand auf seinem Lieblingssims: „Wislaw, Wislaw, pass auf deinen Griffel auf, sonst ist er wieder weg!“ „Unterstehe dich! Du hast mir schon genug Zeit geraubt. Ich weiß gar nicht, wie ich das schaffen soll, das Lied für Prinzessin Margarete?“

„Wislaw guckt dumm aus den Augen,
dann wird sein Lied auch nichts taugen.“

„So ein Quatsch! … N-nein! … Danke!“ „Danke?“ „Ich hätte nie gedacht, dass ich dir einmal dankbar sein würde.“ Witzlaw ist der Schnabel offen stehen geblieben und ist nun der, der dumm aus der Wäsche guckt.
Am Abend ist die Hälfte der ersten Strophe endlich geschrieben:

„Ich erwähle dich aus allen Frauen,
und seh’ dich lieblich vor meinen Augen.
Herzliebste, nur dich mag ich schauen,
voll Güte strahlend, wirst zur Liebe taugen.“

In den nächsten Tagen dichtete Wislaw fleißig weiter, bis auch der Abgesang der ersten Strophe fertig war. Doch wie soll er nur die zwei weiteren schaffen, die zu einem guten Minnelied dazu gehören? Die Zeit drängt, denn bis zur Fahrt nach Dänemark ist es nicht mehr lang hin. Den Gesang muss er ja auch noch einüben.
Und dann gibt es noch etwas, was den Prinzen stutzig macht: Wo ist bloß der freche Greif geblieben? Nicht, dass Wislaw etwa darüber traurig wäre. Doch wie es so ist: Denkt man an nichts Schlechtes, kommt auch schon der Unglücksvogel angeflogen. „Dobr djen, lieber Wislaw, wie geht es dir?“ Der liebe Wislaw weiß gar nicht, wie ihm geschieht. „Dobr djen, mein Lieber! Was ist denn auf einmal in dich gefahren?“ „Stubben, Stubben!“, schallt es zurück. Witzlaw landet und hüpft ausgelassen seinen Greifentanz und zeigt dabei aufgeregt mit seinen Flügeln in die Richtung, wo dieses Dorf liegt. Eigentlich sind es ja zwei kleine Dörfer. „Was willst du denn in Stubben?“ „Großes Geheimnis. Wird nicht verraten.“ „Aha, ich verstehe, du hast Kreide gefressen. Dann ist mir alles klar.“ „Wislaw, du verstehst wieder mal gar nichts.“ Husch, schon ist er wieder weg. Dieser Sache will Wislaw unbedingt auf dem Grund gehen, das hat er sich geschworen. Und morgen ist der beste Tag dazu!
Auf dem Rückweg von Wislaweshagen reitet der Prinz diesmal nicht den kürzesten Weg zur Burg zurück, sondern nimmt einen Trampelpfad, der in den Wald vor Stubben führt. Dort gibt es eine Kuhle, in der Kreide gebrochen wird. Sein Vater, dem der Kreidebruch gehört, und die Stubbener, die extra für den Kreideabbau ihre beiden Dörfer in dieser abgelegenen Gegend errichtet hatten, verdienen gerade jetzt gut daran. So viele Handwerker kamen noch nie, um sich ihre Wagen mit der begehrten Kreide füllen zu lassen, denn es wird immer mehr mit Stein gebaut. Erst letzte Woche holten sie eine große Fuhre für die Wände in der Kirche auf dem Hügel und für die Kapelle in der Fürstenburg ab.
In Gedanken an sein Lied für Margarete versunken, merkt Wislaw erst im letzten Moment, dass sein treues Ross ihn bis an den Rand der Grube getragen hat. Er steigt ab und setzt sich auf einen der großen Steine, von denen erzählt wird, dass sie von Riesen hierher geworfen wurden. Wislaw schlägt das eine Bein über das andere, stützt den Ellenbogen darauf und schmiegt eine Wange in die Handfläche. Er kann gar nicht lange in dieser Dichterpose verweilen, denn ein bekanntes Geräusch lässt ihm seinen Blick gen Himmel richten.
So viel hatte er doch gar nicht bei den Bauern in Wislaweshagen getrunken, dass er jetzt den Witzlaw gleich zweimal fliegen sieht? Aber nein, es sind wirklich zwei Greifen, die da hoch oben ihre Kreise ziehen. Es sieht fast aus, als ob sie tanzten.
Witzlaw hatte im Wald von Stubben sein Glück gefunden. Ob er es  in Vordingborg auch findet?
Wislaw nimmt ein Stück Kreide, das vor seinen Füßen liegt, überlegt kurz und probiert etwas aus: Er schreibt auf den grauen Stein: 'Ich wünsche euch alles Glück der Welt! Wislaw' Es klappt. Erst beim letzten 'w' bricht die Kreide auseinander. Sie ist einfach zu weich. Aber vielleicht kann man etwas machen, damit sie fester und handlicher wird? Wenn die neue Stadt gebaut ist, wird auch ein Schulmeister herkommen. Und wenn der dann alles an eine Wand schreiben könnte, wie viele Kinder könnten da zugleich lernen! Nicht nur die aus der Stadt, auch die von der Burg und die aus den Dörfern drumherum! Wislaw muss heute unbedingt noch mit dem Magister darüber sprechen. Und er muss heute auch noch etwas ganz, ganz Wichtiges mit Botilde bereden. Seine Gedanken beflügeln ihn geradezu, und so gibt er dem Pferd die Sporen.

Zwei Tage später ist es endlich soweit. Alle stehen sie an der Pier unterhalb der Burg: seine Eltern und Geschwister, die anderen Burgbewohner, alle. Unter guten Wünschen besteigen Wislaw und sein Knappe Satko das Boot, das sie nach Puddemin bringen wird, wo das große Fürstenschiff liegt, mit dem sie nach Dänemark weitersegeln werden.
Als sie schon mitten auf dem Garzer See sind und die Menschen am Ufer kaum noch sehen können, ertönt plötzlich eine altbekannte Stimme: „Wislaw, auch wir wünschen dir alles Glück der Welt!“ Witzlaw und Miroslawa, so heißt die Greifin, begleiten das Boot auf seiner Fahrt bis Puddemin.
An der Südspitze des Sees geht es in einen engen Kanal. Durch sieben Schleusen müssen sie sich von den Fluten des Sees und des Loopgrabens tragen lassen, bis beide den Hafen mit dem Schiff erreichen.

Brautwerbung am Königshof
oder

Sonnige Aussichten für Wislaw

Es ist ein wundervoller Tag als das Schiff mit Wislaw und Satko im Hafen unterhalb der dänischen Königsburg Vordingborg fest macht. Die Sonne bestrahlt die roten und gelben Backsteine der Burgmauer, und vor ihnen breitet sich ein quirliges Markttreiben aus. Vor allem die Fischer bieten ihren Fang feil. „Lass uns schnell noch auf diesem Markt umsehen, bevor wir auf die Burg ziehen. Hier gibt es bestimmt frisches Obst zu kaufen.”, so Wislaw.
Als sie schließlich durch das Tor reiten, staunen beide nicht schlecht darüber, dass auch in der Burg des Königs noch so viele Gebäude aus Holz sind. Der Burgvogt lässt die Pferde versorgen und weist ihnen den Weg zu dem Haus, in dem die Prinzessin Margarete die Freier empfangen wird. Satko sieht, dass sein Herr etwas Zuspruch notwendig hat: „Es wird schon, lieber Herr. Ihr schafft es und Ihr seht auch gut aus.” Damit hat der Knappe auch recht: Wislaw trägt eine modische Cotte, die eine Hälfte weinrot und die andere silbergrau, dazu Beinlinge, die nach Art der Slawen schräg gemustert sind. Sein bernsteinfarbenes Haar ziert ein silberner Schapelreif mit sieben Rosetten. Schnell zieht auch Satko seine Gugel vom Kopf und setzt sie nach Hofsitte wieder auf und hängt sich den Sack mit Wislaws Harfe über die Schulter. Eigentlich kann jetzt nichts mehr schief gehen...
Umso größer der Schreck, als sie den Vorraum zum Audienzzimmer der Prinzessin betreten. Da stehen bereits drei Bewerber. Einer davon, der eine Ritterrüstung trägt, die wohl besonders neuartig ist, denn so viele Eisenplatten daran haben beide noch nie gesehen, schreit: „Was wollt ihr hier? Wir sind schon drei Freier, und mehr als drei gibt es nicht! Das war schon immer so. Ein Vierter ist immer einer zu viel!” „Lasst, Ritter Grootmaul, der hat doch sowieso keine Chance, wie ärmlich der gekleidet ist.”, das meint einer, der in edlem, golddurchwirktem Brokat gehüllt ist und eine goldene Krone trägt. Und der Dritte im Bund, einer mit einem vergoldeten Lorbeerkranz auf dem Kopf und mit einer Nase, die er besonders nach oben rümpft: „Der ist doch nur dahergelaufen. Eine edle Abstammung hat der bestimmt nicht, zumindest keine, wie ich sie habe.” „Ja, ganz eindeutig ein Bauer.”, so der Eisenberg.
Jetzt wird die Tür geöffnet. Auf einer reich mit Schnitzwerk verzierten und gepolsterten Kastenbank sitzt die liebreizende Prinzessin in einem purpurfarbenem Kleid. Über ihren Schultern liegt ein kobaltblauer Mantel. „Tretet ein!”
Der Lorbeerbekränzte drängelt sich vor: „Natürlich steht nur mir, Prinz Julius-Augustus de Ponte Tevere, es zu, als Erster um Eure Hand anzuhalten, holde Prinzessin. Wer außer mir kann denn noch auf einen Stammbaum verweisen, der eintausenddreihundert Jahre alt ist und bis auf Julius Cäsar zurück reicht? Niemand! Nur ich kann die erste Wahl für Euch sein, denn nur mit mir werdet Ihr römische Kaiserin. Alle anderen werden Euch dann beneiden! Und schaut, welches erlesene Geschenk ich Euch mitgebracht habe: eine schwarze Perle, in Gold gefasst! Das ist das Wertvollste, was es je gab, und nur ich besitze sie. Nur alle hundert Jahre wird so eine Perle gefischt. Ich werde sie in Eure Krone einarbeiten lassen. Euch werden...” „Es reicht, Prinz Julius-Augustus!”, unterbricht Margarete den Redeschwall, sodass diesem beinah der vergoldete Lorbeerkranz herunter rutscht. „Glaubt Ihr wirklich, mir gefällt Eure Angeberei und Eure alberne Perle?” „Goldgefasste, schwarze...”, versucht er sie zu verbessern. „Ach, und wie oft und wie lange mussten denn Eure Fischer danach tauchen?” „Das ist doch egal. Hauptsache ich habe so ein wundervolles Geschenk für Euch.” „Es ist Euch egal?! Wisst Ihr was, Prinz Julius-Augustus, Ihr seid mir auch egal!”
„Ein langer Stammbaum reicht natürlich nicht aus, teure Prinzessin. Darf ich mich vorstellen: Prinz Ludwig von Burgund. Man ruft mich nicht zufällig 'den Reichen', denn meine Familie ist wahrlich die reichste unter der Sonne.” „Und ihr glaubt, dass es mir auf Reichtum ankommt, Prinz?” „Sicher, wenn ich Euch verrate, dass bei uns nur die allerneueste Mode getragen wird und auserwähltes Geschmeide die Damen ziert. Ihr kennt es selbstverständlich noch nicht, edle Dame. Deshalb möchte ich Euch ein entsprechendes Verlobungsgeschenk bereiten. Seht her, nur mit diesem spitzen Hut, dazu einem hauchdünnen Seidenschleier, werdet Ihr als Herzogin, nein, Königin etwas her machen. Extra für Euch habe ich sogar eine goldene Krone einarbeiten lassen, denn Ihr werdet an meiner Seite Königin von Burgund werden.” „Ehrlich gesagt, mir gefällt mein Gebende eigentlich ganz gut. Ihr werdet sicherlich eine passende Frau finden, die sich gern Euren Plunder auf den Kopf setzt, der auch entsprechend hohl ist, um mit Euch nach immer mehr Reichtum zu lechzen.” „Ihr verschmäht mich und mein Geschenk? Dann bleibt doch in Eurem armen, kleinen, kalten Land!” „Nur zu gern und vor allem an der Seite eines gutherzigen Menschen. –
Wer seid Ihr, dass Ihr hier erscheint, als ob Ihr in den Krieg ziehen wollt?”, fragt Margarete mit deutlicher Empörung im Ton. „Da habt Ihr vollkommen recht, hochedle Prinzessin! Ich, Ritter Grootmaul von Dummbatz, werde noch heute mit einer Eroberung heimkehren!”, donnert dieser los und schlägt sich dabei mit der Eisenfaust auf die Eisenbrust, dass es nur so scheppert. „Und wie ich sehe, steht Euch auch der Sinn nach einem Mann wie mir. Einem Mann der Tat. Ich habe zwar keine schwarze Perle und auch sonst keine Reichtümer, aber dieses Schatzkästchen habe ich für Euch einem siebenköpfigen Drachen entrissen. Nur für Euch!” „Siebenköpfiger Drache – soll ich jetzt lachen oder weinen?” „Ich habe ihm jeden Kopf einzeln abgeschlagen!” Grootmaul macht die entsprechenden Bewegungen, dann öffnet er das Kästchen: „Seht selbst!” Er reicht es ihr, baut sich breitbeinig vor ihr auf und stemmt seine Fäuste in die Seiten: „Nun was ist? Seid Ihr überzeugt?” „Ich will nichts mehr von Euren Lügen hören! Und wehe, es stellt sich heraus, dass Ihr diese Sachen gestohlen habt! Verschwindet!”

Alle drei abgewiesen! Als Letzter darf nun Wislaw vor Margarete treten. Sollte ihm wirklich einmal im Leben Glück winken? Auf jedem Fall darf er jetzt nichts vom frechen Greifen Witzlaw erzählen, das glaubt ihm die Prinzessin sowieso nicht. Wie nicht anders zu erwarten, überhäufen ihn die hinausgeworfenen Freier mit beißendem Spott: „Sie wollte uns nicht. Nicht den mit dem ältesten Stammbaum!” „Nicht den Reichsten!” „Nicht den Mutigsten, Verwegensten, Ritterlichsten! Also will sie dich erst recht nicht!”
Unbeeindruckt davon verneigt sich Wislaw vor Margarete und kniet vor ihr nieder. Dann bietet er ihr das mit einem schön gewebten Tuch verhüllte Geschenk dar. Die Prinzessin ist neugierig: „Was habt Ihr denn unter diesem hübschen Deckchen versteckt, Herr Wislaw?” „Schaut selbst und lasst Euch überraschen, edle Dame!” Sie nimmt das Tuch weg. „Jetzt bin ich aber wirklich überrascht!”
„Ein Tontopf mit Obst! Du bist wirklich ein Bauer, Prinz Wislaw.” Die Häme der drei Verlierer ist deutlich zu hören. „Du kannst gleich wieder umkehren. So etwas will die Prinzessin bestimmt nicht.” Wislaw fahren die Gedanken durch den Kopf: 'Ich hab's vermasselt! Es ist bestimmt nicht das richtige Geschenk.'
„Wie fein diese Schale doch gearbeitet ist! Und mit Verzierungen innen und außen.”, wird Wislaw aus seinen trüben Gedanken gerissen. Er weiß nicht recht, ob das jetzt Spott ist oder nicht. Egal, er muss da durch: „Ist sie nicht schön. Dort, wo wir unsere Burg haben, verstehen sich die Leute darauf, solch feine Schalen zu töpfern. Nirgendwo anders gibt es welche, die so gut gearbeitet sind.” „Und sie ist so praktisch: Man kann Obst hinein legen, Braten daraus anbieten und Suppe daraus löffeln. Sogar eine dicke Kerze kann darin brennen, ohne dass das Wachs vorbei fließt.” „Ja, und vor allem gefällt sie Euch! Aber schaut genauer hinein, da ist noch etwas drinnen versteckt.”
Jetzt hat sie es gefunden: Ein Silberkettchen mit einem in verschiedenen Gelb- und Rottönen glänzenden Amulett. „Wie wunderschön! Wie Eure Haare. Und solche Steine gibt es in Eurem Land?” „Wir nennen ihn Jantar oder Burnstein. Wenn das Meer wieder einmal sehr wild war, liegt er zuhauf am Strand und muss nur eingesammelt werden.” „Darin ist ja sogar etwas eingeschlossen. Es sieht aus wie ein Farn. Wie alt mag der wohl sein?” „Ich weiß nicht, aber bestimmt schon sehr alt.” „Erzählt mir von Eurem Land, Herr Wislaw! Und erhebt Euch!”
Mit einer Begeisterung nimmt er sie mit auf eine Reise durch seine Heimat, erzählt von den fleißigen Menschen verschiedener Sprache, von den schneeweißen Felsen am Meer, von der ersten Maisonne nach dem eiskalten Winter, von den Bodden und den Bergen. „Ja, auch richtige Berge gibt es bei uns. Ein Dorf mitten auf der Insel heißt sogar so. Aber die beiden Dörfer bei der Burg, in der wir seit ein paar Jahren wohnen, werden bald eine neue Stadt in ihrer Nachbarschaft haben.”
„Man erzählt, Ihr seid ein Minnesänger? So zeigt doch einmal Eure Kunst!” „Ein Minnesänger? Wie lächerlich! Wer ist denn heutzutage noch ein Minnesänger! Heute zählt nur noch, ordentlich draufzuhauen!”, fällt Grootmaul der Prinzessin ins Wort. Knappe Satko reicht seinem Herrn die Harfe und dieser setzt mit klarer Stimme an:

„Ich erwähle dich aus allen Frauen,
und seh’ dich lieblich vor meinen Augen.
Herzliebste, nur dich mag ich schauen,
voll Güte strahlend, wirst zur Liebe taugen.
Wer mag vergüten deine Güte?
Gott, der gute, dich stets behüte.
Das bedarf ich wohl, soll ich genesen
von deiner Minne. Mein Schwur ist’s gewesen.”

Zuerst deutsch, dann slawisch und schließlich dänisch.
„Ein wunderbares Lied!“, lobt Margarete den Sänger. Wislaw verneigt sich: „Euer Lob macht mich sehr glücklich!“ „Und Ihr könnt meine Sprache?” „Naja, um ehrlich zu sein: nein. Aber unsere Amme Botilde, das gute Herz, hat mir geholfen.” „Ach, der Wer-Weiß-Woher-Wislaw bekommt keine drei verschiedenen Strophen zusammen und lässt sich deshalb den Text übersetzen. Wie arm!”, höhnt der verhinderte Cäsar. „So arm, wie dieses Geschlecht auch sonst ist.”, legt der reiche Ludwig nach. Und Ritter Grootmaul: „Wie gesagt, eben ein Bauer.”
Jetzt platzt Margarete endgültig der Geduldsfaden: „ICH sehe hier nur EINEN Ritter, und das seid weder Ihr, Prinz Julius-Augustus, noch Ihr, Prinz Ludwig, und auch nicht Ihr, Herr Grootmaul! Aber Ihr, Ritter Wislaw, zeigt mir Euer schönes Land!”
Wislaw kann gar nicht fassen, wie hoch sein Herz plötzlich schlägt.

Wislaw und Margarete im Minnegärtlein

zurück zur Seite “Liebe Kinder!”

[Startseite] [Autor Jens Ruge] [Die Wizlawiden] [Minnesänger Wizlaw] [Rujana - Rügen] [Liebe Kinder!] [Linksammlung] [SiteMap] [Gästebuch] [Forum Ruyanorum]