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Die Gardvogteien Vîtove/Wittow und Jâsmund/Jasmund

Viele von euch kennen bestimmt das Kap Arkona mit dem Panorama der beiden Leuchttürme. Auf diesem Foto sind die Reste der “Jaromarsburg” genannten slawischen Tempelburg abgebildet. Deutlich sind noch die Wälle zu erkennen, die das Heiligtum landeinwärts geschützt hatten und einst mit hohen Pallisaden bewehrt waren. Die hellen Flächen im einstigen Tempelareal sind Stellen von Ausgrabungen, die wegen des fortschreitenden Küstenabbruchs stattfanden. In dem Turm vor der Wallanlage befindet sich u.a. eine kleine Ausstellung über Arkona.

Die Reste der slawischen Tempelburg Arkona
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Gardvogteien Wittow, Jasmund, Schaprode, Patzig und Gingst (Nord)

So wie auf der Zeichnung dargestellt, hat vermutlich das wichtigste Heiligtum der Westslawen ausgesehen, das zugleich auch Fluchtburg für die Einwohner der umliegenden Ortschaften war. Durch den Uferabbruch sind leider wichtige Teile zerstört worden, vor allem die Stelle an der sich der eigentliche Tempel befunden hatte. Die große Zeit von Arkona begann im Jahre 1068 mit der Zerstörung des Svarožyc-Tempels in Rethra bei Feldberg. Für genau 100 Jahre wurde Arkona zum Mittelpunkt des slawischen Götterkultes. 1136 wurde Arkona zum ersten Mal von den christlichen Dänen belagert. Die Zerstörung des Tempels, und mit ihm des Götterkultes, gelang ihnen aber erst am 15. Juni 1168. Saxo Grammaticus, ein Augenzeuge der Eroberung und Geschichtsschreiber der Dänen, hat uns eine ausführliche Beschreibung dieser Ereignisse hinterlassen. Mit dieser Eroberung fiel die letzte Bastion des slawischen Heidentums, die Christianisierung der Ranen begann. Ach ja, eine Sache hatte sich 1168 wenig geändert: Der Zehnt musste weiter entrichtet werden, nun nicht mehr an den Oberpriester, sondern an den Bischof.

Grundriss der Tempelburg Arkona

Saxo Grammaticus beschreibt uns dieses Bauwerk wie folgt: (zitiert aus: Ingrid Schmidt ”Götter, Mythen und Bräuche von der Insel Rügen”, Hinstorff Verlag Rostock 2002)

“’Diese (die Burg Arkona) liegt auf der Spitze eines hohen Vorgebirges und ist im Osten, Süden und Norden nicht durch künstliche, sondern natürliche Steilhänge gesichert, die Uferwände sind wie Mauern, deren Höhenrand durch einen Geschoßpfeil unten vom Meere nicht erreicht werden kann. An den drei genannten Seiten ist sie vom Meer umflossen, im Westen aber wird sie durch einen Wall abgeschlossen, der 50 Ellen hoch ist, dessen untere Hälfte aus Erde war, die obere bestand aus Holz und Erdfüllung. Auf der Nordseite fließt eine Quelle, zu der die Burgbewohner auf einem befestigten Pfad gelangten. ...’” (I. Schmidt, S. 37)
“’Inmitten der Burg ist ein ebener Platz, auf dem sich ein aus Holz erbauter Tempel erhob, von feiner Arbeit, ehrwürdig nicht nur durch die Pracht der Ausstattung sondern auch durch die Weihe des in ihm aufgestellten Götzenbildes. Der äußere Umgang des Tempels erstrahlte durch seine sorgfältig gearbeiteten Skulpturen; er war mit rohen und unbeholfenen Bildwerken verschiedener Art geschmückt. Für die Eintretenden war ein einziger Eingang offen.
Das Heiligtum selbst war von zwei Einhegungen umschlossen. Die äußere, aus Wänden zusammengefügt, war mit einem purpurnen Dach bedeckt; die innere, auf 4 Pfosten gestützt, erglänzte statt der Wände durch Vorhänge; dieser Teil hatte außer dem Dach und dem wenigen Tafelwerk mit dem äußeren nichts gemein.’
Den Tempel durfte nur der Priester betreten, ’um ihn mit einem Besen sorgfältig zu reinigen; er achtete darauf, nicht seinen Atem innerhalb des Tempels auszustoßen; so oft er ein- und auszuatmen genötigt war, lief er hinaus, damit die Gottheit nicht durch sterblichen Hauch befleckt würde.’
Den SVANTEVIT ’umgab die Purpurdecke dicht und glänzend, aber sie war schon so morsch, daß sie (nach dem Sturz des SWANTEVIT) nicht unversehrt hervorgezogen werden konnte. Es fehlten auch nicht ungewöhnliche Hörner von wilden Tieren, nicht weniger durch ihr natürliches Aussehen als durch die Bearbeitung bewunderungswürdig.’”
(I. Schmidt, S. 38)

Über das Bildnis des Gottes Svantevit selbst schreibt Saxo: (zitiert aus: Ingrid Schmidt ”Götter, Mythen und Bräuche von der Insel Rügen”, Hinstorff Verlag Rostock 2002)

“’Im Tempel stand ein gewaltiges Götterbild, den menschlichen Körper an Größe weit übertreffend, wunderlich anzusehen durch seine vier Köpfe und ebenso viele Hälse. Zwei der Köpfe schienen nach der Brust und ebensoviele nach dem Rücken zu sehen. Im übrigen schien von den vorderen wie von den hinteren der eine nach rechts, der andere nach links zu blicken Die Bärte waren rasiert dargestellt, die Haare geschnitten, so daß es schien, der Fleiß des Künstlers hätte die Art der Rugianer in der Pflege der Haare nachgeahmt. In der Rechten hielt (die Figur) ein Trinkhorn, das aus verschiedenen Metallen gebildet, das der Priester jährlich neu zu füllen gewohnt war, um aus der Beschaffenheit der Flüssigkeit die Ernte des kommenden Jahres zu weissagen. Der linke Arm bildete, in die Seite gestemmt, einen Bogen (in anderen Übersetzungen: einen Bogen in der Hand). Der Rock war so beschaffen, daß er an die Schenkel reichte, die aus verschiedenem Holz geformt waren und so mit dem Kniegelenk verbunden waren, daß man den Ort der Verbindung nur bei genauem Hinsehen erkennen konnte. Die Füße berührten den Boden, ihre Basis war in der Erde verborgen. Nicht weit davon hingen Zaum und Sattel und andere Herrschaftszeichen der Gottheit; seine Bewunderungswürdigkeit vermehrte ein Schwert von ungeheurer Größe, dessen Scheide und Griff abgesehen von dem sehr schönen Treibwerk, das silberne Äußere auszeichnete. Der Gottheit wurde ein feierlicher Kult ... dargebracht. ...’” (I. Schmidt, S. 44)

Beim Erntefest weissagte der Oberpriester also aus dem Verdunstungsgrad des Mets im Füllhorn der Götterfigur die Ernteaussichten des kommenden Jahres. Von einem anderen Schreiber, Helmold von Bosau, erfahren wir, dass der Priester danach das Horn austrinken und wieder neu füllen musste. Außerdem wurde aus den Gaben der Natur ein Honigkuchen gebacken, der so groß sein musste, dass der Priester nicht mehr zu sehen war. Gelang das nicht, sah es auch schlecht für die kommende Ernte aus. Kein Kriegszug und keine Seefahrt wurden unternommen, kein Geschäft abgeschlossen, ohne vorher das Orakel zu befragen. Svantevits Pferd, vom Oberpriester geführt, musste eine dreifache Gruppe schräg in die Erde gesteckter, miteinander verbundener Lanzen überschreiten. Nahm es dieses Hindernis mit dem linken Fuß, war das Unternehmen von vornherein zum Scheitern verurteilt.

Der Gott Svantevit

Abb. aus: Ingrid Schmidt ”Götter, Mythen und Bräuche von der Insel Rügen”, Hinstorff Verlag Rostock 2002, Einband hinten

Auf den Ablauf der Eroberung von Arkona durch das dänische Heer Waldemars I. im Jahre 1168 und die Zerstörung des Svantevit-Tempels und der hölzernen, über 3 m hohen Götterfigur möchte ich nicht näher eingehen, da es genug Publikationen dazu gibt (z.B. die unten genannte Literatur). Ich vertrete die Meinung, dass sich dadurch nichts Wesentliches an den Lebensverhältnissen der ranischen Menschen geändert hat. Feudalismus bestand schon vorher, er wurde nur mit einer neuen Religion fortgesetzt. Ein Großgrundbesitzer (dem “Gott”, d.h. dem Oberpriester, gehörte im Prinzip ganz Wittow) wurde durch einen anderen, die römisch-katholische Kirche, ersetzt. Und die Svantevit-Priester, die sich mit Sicherheit aus der ranischen Adelsschicht rekrutierten, waren wirklich reich: Sie verfügten über 300 Tempeldiener und einen gewaltigen Tempelschatz, der aus Abgaben, Opfergaben, Geschenken, aber auch aus Raub und aus Kontributionen unterworfener Stämme gespeist wurde. Neben dem heiligen weißen Pferd Svantevits tummelte sich eine ganze 300-köpfige Rossherde auf Wittow und hatte in Kontop / Konotop ihre Pferdeschwemme (so die Namensbedeutung). Die Bauern von Wiek / Medove (= “Honigort”) und Mattchow / Matchove (= “Bienenort”) werden ihren Tribut wohl hauptsächlich in Form von Honig und Wachs geleistet haben, u.a. für den oben erwähnten Met und Honigkuchen. In Vitt hatten die Priester ihren eigenen Hafen und Anlandeplatz für den Heringsfang. Und es befand sich in Arkona selbst oder in Putgarten / Podgârd (= “unter der Burg”) eine Handels- und Handwerkerniederlassung mit Handelskontakten bis in den Orient. Vielleicht wurden von dort die kostbaren Vorhänge des Tempels eingeführt.
Eine polnische Künstlerin schuf diese neue Svantevit-Skulptur mit verschieden gestalteten Köpfen aus Eisenblech. Sie steht auf der großen Freifläche vor dem Burgwall.

künstlerische Skulptur des Gott Svantevit
Die Dorfkirche von Altenkirchen

Altenkirchen / Vîtovska Cerkava, der “Marktplatz mit der Kirche von Wittow”, war zwar schon immer das Zentrum der damaligen Insel und heutigen Halbinsel. Größter Ort und politischer Mittelpunkt Wittows war er jedoch nicht, diese Ehre kommt Wiek / Medove zu. Hier befand sich auch eine Burg mit dem Sitz des Gardvogts von Wittow.

Details am Baukörper der Kirche von Altenkirchen

1294 wird ein Dominus Guzlaw als Priester von Wittow genannt - auch ein Zeichen für die gleichberechtigte Stellung der Ranen.

In Altenkirchen, dem Beginn der Europäischen Straße der Backsteingotik, steht Rügens älteste Dorfkirche. Sie wurde als der nach Bergen zweite steinerne Sakralbau Rügens errichtet, der eine nach der Christianisierung gebaute Holzkirche ersetzte. Sein Bau begann 1185 noch vor dem der Bergener Marienkirche und erfolgte in mehreren Phasen. Zuerst wurde 1185-1215 mit der Apsis das Schmuckstück der Kirche fertig gestellt, die 1215 als einschiffige romanische Basilika geweiht wurde. Bereits 150 Jahre später war sie zu einer dreischiffigen gotischen Kirche umgebaut worden, da sie (im Unterschied zu den anderen Dorfkirchen) die Funktion einer Missionskirche bekam. Nachdem die rügenslawischen Bauleute mithilfe dänischer Bauhandwerker ihre ersten Erfahrungen in der Backsteinbauweise an der Bergener Kirche sammelten, wurde die Wittower Hauptkirche zu ihrem Meisterwerk: Kunstvoll gebrannte und eingepasste Backsteine in verschiedenen Farben zieren das Mauerwerk und die Proportionen sind überall stimmig. Auf dem linken Bild über diesem Text seht ihr z.B. einen der Dämonenabwehrköpfe am romanischen Rundbogenfries. Diese sollten den mittelalterlichen Menschen signalisieren, dass sie stets mit dem Teufel rechnen müssen, er aber in diesem Haus keine Chance hat.

Der Svantevitstein von Altenkirchen

Links seht ihr den so genannten “Svantevitstein”. Er ist eine Granitplatte, die liegend in die ursprüngliche südliche Außenwand der Apsis eingelassen wurde. Heute befindet sich diese Stelle innerhalb eines späteren Anbaus. Die Frage, ob es sich bei der Figur auf dem Stein um den Gott Svantevit, um einen seiner Oberpriester oder um den Fürsten Tezlaw handele, wurde schon oft diskutiert. Die waagerechte Lage deutet mehr auf ein Abbild der Gottheit. Den Menschen sollte sie auf diese Weise das Ende des alten Kultes verdeutlichen. Der Vorbau diente übrigens als Waffenkammer, in der die Teilnehmer am Gottesdienst ihre Schwerter und Speere abstellen mussten. Entsprechende mit Hausmarken gekennzeichnete Vertiefungen dafür sind noch sichtbar.
Eine weitere Kostbarkeit aus der Kirche zu Altenkirchen ist die rechts abgebildete Kalksteinfünte, ein aus Gotland importiertes, kirchförmiges Taufbecken. Sie ist eine der ältesten dieser Art (um 1215 behauen). Die vier romanischen Gesichter symbolisieren die vier Paradiesströme Euphrat, Tigris, Gihon und Pishon.

Die Tauffünte von Altenkirchen

Abb. aus: Ingrid Schmidt ”Götter, Mythen und Bräuche von der Insel Rügen”, Hinstorff Verlag Rostock 2002, Abb. 29 (S. 144)
Für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung der Abbildungen zur Kirche Altenkirchen und für die Unterstützung bei der Gestaltung der betreffenden Textinhalte möchte ich mich bei Herrn Pastor Rüß bedanken.

Weitere wichtige Orte auf Wittow waren die Fischerdörfer Dranske / Dranzeke (= “Schlehdorn”) und Breege / Breg (= “am Ufer gelegen”). Viele slawische Ortsnamen auf der Insel Rügen wurden zum ersten Mal 1314 in einer Steuerhebung für den Fürsten Wizlaw III. bzw. 1318 in einem Verzeichnis über die Entrichtung des Bischofsroggens erwähnt. Das bedeutet, dass kurz vor Ende der Eigenständigkeit Rügens (1325) der Löwenanteil der Dörfer slawische Namen trug (nur 12 von 205 hatten deutsche Namen). Und es bedeutet auch, dass die zugewanderten Niederdeutschen und Flamen sich kaum von den ansässigen Ranen separierten. In manchen Fällen erschienen sogar die Ortsnamen beider Bevölkerungsgruppen, so bei Wiek “Medove sive Wyk”. In den meisten Fällen benutzten die Neusiedler die Bezeichnungen ihrer ranischen Mitmenschen. Bei manchen Neugründungen in Nachbarschaft eines bestehenden slawischen Dorfes wurde der ranische Name auch für das neue Dorf verwendet und um ein “Neu-” oder “Groß-/Klein-” erweitert, so bei Glowe / Glove und Neu-Glowe (Glov = “Kopf, Haupt” (von Jasmund)). Zudem gibt oder gab es auch gemischtsprachige Ortsnamen, wie z.B. Sumeshagen, das heutige Hagen in der Stubnitz. Der ursprüngliche Namensbestandteil verweist auf das rügenslawische Adelsgeschlecht Sum (Suhm, Zuhm).

Wir sind also inzwischen auf Jasmund “angelandet”, wie Wittow damals noch eine Insel. Sassnitz / Sosnice (= “Kiefernort”), die heutige größte Stadt und durch ihren weiträumigen Fährhafen in Mukran / Mokrâne (= “feuchte Gegend”) wichtigster Verkehrsknoten Rügens, war im Mittelalter nur ein kleines Fischerdorf. Das Leben spielte sich hauptsächlich in Sagard / Zagârd (= “bei der Burg”) ab, das als Sitz der Gardvogtei Jasmund bereits 1170 urkundlich erwähnt wurde. Vom Burgwall Capelle (mögliche Doppelbedeutung: Kopelice = “Hügel” und zugleich Standort der ersten christlichen Kapelle auf Jasmund) ist sehr wenig erhalten, nur eine ovale Fläche zwischen zwei Bächen westlich des Ortszentrums, auf der sich heute Kleingärten befinden. Doch wissen wir durch die dänische Knytlinga-Saga, dass es dort ebenfalls einen Tempel gegeben hatte. In ihm wurde der Friedensbeschützer Pizamar verehrt. Wie dieser ausgesehen hatte, ist leider nicht überliefert. In der Stubnitz (ebenfalls mit einer Doppelbedeutung: Stupnice = “ansteigende Landschaft” oder Stobnice = “Ort, der zur Zeidlerei (Waldbienenzucht) genutzt werden kann”) wurde sogar noch drei Jahre nach der Eroberung durch die Dänen der Siegesgott Tjarnaglofi verehrt. So steht es in der gleichen Saga geschrieben. Mit “Tjarnaglofi” ist sicherlich Černoglov gemeint, was einen schwarzgesichtigen Gott beschreibt. Nur ein Detail ist von ihm bekannt: Er trug einen silbernen Schnurrbart. Das Heiligtum konnte noch so lange weiterbestehen, weil es in der im dichten Wald versteckten “Herthaburg” verehrt wurde. Bei diesem Burgwall handelt es sich auch um ein slawisches Bauwerk. Die auf dem germanischen Nerthus-Kult beruhende Hertha-Sage ist jedoch eine Erfindung späterer Zeit und hat keinen Bezug zu Herthaburg und Herthasee (ursprünglich Schwarzer See oder Borgsee).

Mehrere kleine Dörfer, die wie auf einer Perlenkette aufgefädelt im Norden von Jasmund liegen, haben eine geschichtliche Bedeutung und seien hier (von West nach Ost) beschrieben:
Zu Baldereck / Bealderik (bela reka oder bîla rika = “weißer Bach”) gibt es eine Urkunde aus dem Jahr 1290 in dem Prinz Wizlaw der junge zwei ranischen Bauern, den Brüdern Zulimar und Domamar Zurkiviz (= aus Zürkvitz bei Wiek stammend), das Dorf Bealderik verkauft. Diese Urkunde ist somit ein Beleg für die freie Stellung und selbstbewusste Haltung des größten Teils der Bauern, ganz gleich welcher Nationalität diese angehörten. Interessant ist zudem, dass es sich bei dieser Verbriefung um genau den Zeitraum handelt, in dem der Fürstensohn bei einer Wallfahrt im Dom zu Riga schwer verletzt wurde. Könnte es sein, dass die Gebrüder ihn auf dieser Pilgerreise begleiteten und dann Erste Hilfe leisteten, ohne die Wizlaw am Ende verblutet wäre? Später (1307) verlieh Fürst Wizlaw seinem Wundarzt Henning Menzen eine Hebung aus dem heute längst wüsten Ort Slavekevitze auf Zudar im Süden der Insel (nordwestlich von Losentitz / Losentice). Könnte Henning Menzen gar der Arzt gewesen sein, der ihn wieder (halbwegs) gesund pflegte? Das würde die große Dankbarkeit erklären, die in beiden Urkunden zum Ausdruck kommt.
Bisdamitz / Bizdomice (= “Leute eines Bezdoma oder Bizdoma” (= ohne Haus, obdachlos)) erwähne ich hier nicht wegen einer mittelalterlichen Bedeutung, sondern weil dort der Vater des 1802 in Bergen auf Rügen geborenen Publizisten und Vormärz-Demokraten Arnold Ruge, der zusammen mit Karl Marx Herausgeber der “Deutsch-Französischen Jahrbücher” war, Verwalter auf dem heute noch bestehenden Hofgut gewesen ist.
Aus Nardevitz / Neradovice (= “Leute eines Nerad” (= nicht froh, unglücklich)) stammten vermutlich die Vorfahren Arnold Ruges, denn auf dem Kirchhof zu Bobbin / Babîn (= “Mütterchen”) gibt es mehrere Gräber einer Familie Ruge aus diesem Ort, und in unmittelbarer Nähe, in einer malerischen Liete (Schlucht eines Baches an der Steilküste), liegt der kleine Weiler Rugeshus / Ruyeshûs.
Schließlich zeugt Blandow / Blandove von einem sehr aufschlussreichen Aspekt der mittelalterlichen rujanischen Verhältnisse. Noch Anfang des 14. Jahrhunderts war die slawische Sprache im Fürstentum Rügen voll lebendig, denn es gab - belegt in den beiden oben erwähnten Abgabenverzeichnissen - einen Namenswechsel des Ortes aufgrund eines Bedeutungswechsels: Im Bedeverzeichnis 1314 heißt er noch Blandovitze (= “Leute eines Bląd”), im Bischofsroggenverzeichnis 1318 dann Blandowe (= “Ort eines Bląd”). Der umgekehrte Fall ist beim Jasmunder Ort Sehlitz / Žalice (= “Leute eines Žal”) belegt: Sale (1314) wird zu Salitze (1318)

Hofgut Bisdamitz

Hofgut Bisdamitz

Tor in Nardevitz

Tor in Nardevitz

Liete bei Rugeshus

 Liete bei Rugeshus

Ein Dorf auf Jasmund hatte eine besonders wichtige Rolle inne. Lietzow / Lisove (= “Fuchsort”) oder besser die “Lietzower Fähre” war ein wichtiger Punkt im Verkehr des Inselreiches, denn über diese Fähre verlief der kürzeste Weg vom Inselzentrum Bergen nach Jasmund und Wittow. Im Jahr 1314 hieß es demzufolge: “Lisowe, videlicet de taberne et de passagio”, also “Lisowe, nämlich Krug und Überfahrt”. Die in diesem Dokument genannte Abgabe an den Fürsten Wizlaw war mit fünf slawischer Mark sehr gering. Der Damm bei Lietzow wurde erst mit dem Chaussee- und dem Bahnbau im 19. Jahrhundert aufgeschüttet. Das Schlösschen hatte sich der Bahnbaumeister als Kopie der schwäbischen Burg Lichtenstein errichten lassen.

Bildnachweis:
“Die Reste der slawischen Tempelburg Arkona”: Ausschnitt aus Postkarte ”078 - Kap Arkona”, Ansichtskartenverlag Foto-Stavginski
Für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung dieser Abbildung möchte ich mich bei Frau Stavginski vom Ansichtskartenverlag Foto-Stavginski (
www.foto-stavginski.de) bedanken.
“Grundriss der Tempelburg Arkona”: Joachim Herrmann (Herausgeber) ”Die Slawen in Deutschland - Ein Handbuch”, Abb. 151 (S. 313), Akademie Verlag Berlin 1985
Für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung dieser Abbildung möchte ich mich beim Akademie Verlag Berlin (
www.akademie-verlag.de) bedanken.
“Der Gott Svantevit”, “Die Tauffünte von Altenkirchen”: Ingrid Schmidt ”Götter, Mythen und Bräuche von der Insel Rügen”, Einband hinten und Abb. 29 (S. 144), Hinstorff Verlag Rostock 2002, ISBN 3-356-00720-3
Für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung dieser Abbildungen sowie der o.g. Zitate möchte ich mich bei Frau Maas, der Leiterin des Buchverlags Hinstorff Verlag GmbH (
www.hinstorff.de), bedanken.
“Die Dorfkirche von Altenkirchen”, “Details am Baukörper der Kirche von Altenkirchen”, “Der Svantevitstein von Altenkirchen”, “Die Tauffünte von Altenkirchen”: Für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung dieser Abbildungen möchte ich mich bei Herrn Pastor Rüß, Ev. Pfarramt Altenkirchen, bedanken.
“Die Dorfkirche von Altenkirchen”: Informationsblatt des Landkreises Rügen “Denkmale auf Rügen und Hiddensee”, Abb. 1
Für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung dieser Abbildung möchte ich mich bei Herrn Schwarz vom GrafikDesign Schwarz und Frau Dr. Thom vom ehemaligen Landkreis Rügen, Amt für Wirtschaft und Kultur (
www.ruegen.de), bedanken.
“künstlerische Skulptur des Gott Svantevit”, “Hofgut Bisdamitz”, “Tor in Nardevitz”, “Liete bei Rugeshus”: private Fotos

Die Quellen, auf die ich mich bei meiner Arbeit vorrangig gestützt habe (chronologisch geordnet):
1. Hagen, Fr. H. v. d. “Minnesinger, Deutsche Liederdichter des 12., 13. und 14. Jahrhunderts I - IV”, Leipzig 1838
2. Fabricius, C. G. ”Urkunden zur Geschichte des Fürstentums Rügen unter den eingeborenen Fürsten”, Stettin 1851
3. Dannenberg, H. ”Pommerns Münzen im Mittelalter”, Berlin 1864
4. Pyl, Th. “Lieder und Sprüche des Fürsten Wizlaw von Rügen”, Greifswald 1872
5. Dannenberg, H. ”Münzgeschichte Pommerns im Mittelalter”, Berlin 1893
6. Pyl, Th. ”Die Entwicklung des pommerschen Wappens, im Zusammenhang mit den pommerschen Landesteilungen”, in Pommersche Geschichtsdenkmäler VII, Greifswald 1894
7. Behm, O. “Beiträge zum Urkundenwesen der einheimischen Fürsten von Rügen”, Greifswald 1913
8. Gülzow, E. ”Des Fürsten Wizlaw von Rügen Minnelieder und Sprüche”, Greifswald 1922
9. Haas, A. ”Arkona im Jahre 1168”, Stettin 1925
10. Hamann, C. ”Die Beziehungen Rügens zu Dänemark von 1168 bis zum Aussterben der einheimischen rügischen Dynastie 1325”, Greifswald 1933
11. Scheil, U. “Genealogie der Fürsten von Rügen (1164 - 1325)”, Greifswald 1945
12. Rudolph, W. ”Die Insel Rügen”, Rostock 1954
13. Ohle, W., Baier, G. ”Die Kunstdenkmale des Kreises Rügen”, Leipzig 1963
14. Steffen, W. ”Kulturgeschichte von Rügen bis 1817”, Köln, Graz 1963
15. Werg, S. ”Die Sprüche und Lieder Wizlavs von Rügen, Untersuchungen und kritische Ausgabe der Gedichte”, Hamburg 1969
16. Vá
ňa, Z. ”Die Welt der alten Slawen”, Praha 1983
17. Gloede, G. ”Kirchen im Küstenwind - Band III”, Berlin 1984
18. Herrmann, J. (Hg.) ”Die Slawen in Deutschland - Ein Handbuch”, Berlin 1985
19. Spiewok, W. ”Wizlaw III. von Rügen, ein Dichter”, in: Almanach für Kunst und Kultur im Ostseebezirk, Nr. 8 (1985)
20. Spitschuh, B. ”Wizlaw von Rügen: eine Monografie”, Greifswald 1989
21. Lange, A. “Tausendjähriges Ralswiek”, Bergen 1990
22. Hages-Weißflog, E. “snel hel ghel scrygh ich dinen namen - Zu Wizlaws Umgang mit Minnesangtraditionen des 13. Jahrhunderts”, in: ”Lied im deutschen Mittelalter. Überlieferung, Typen, Gebrauch”, Tübingen 1996
23. Bleck, R. ”Untersuchungen zur sogenannten Spruchdichtung und zur Sprache des Fürsten Wizlaw III. von Rügen” GAG Folge 681, Göppingen 2000
24. Schmidt, I. ”Götter, Mythen und Bräuche von der Insel Rügen”, Rostock 2002
25. Jahn, L. ”Wizlaw III. von Rügen - Fürst und Minnesänger” und ”Wizlaws Liederbuch”, Hofgeismar 2003
26. Sobietzky, G. “Das Fürstentum Rügen und sein Geldwesen”, Stralsund 2005
27. Kratzke, Ch., Reimann, H., Ruchhöft, F. “Garz und Rugendahl auf Rügen im Mittelalter”, in: Baltische Studien, Neue Folge Band 90 (2004), Kiel 2005
28. Ruchhöft, F. “Die Burg am Kap Arkona” (Reihe: Archäologie in Mecklenburg-Vorpommern, Band 7), Schwerin 2010
29. Reimann, H., Ruchhöft, F., Willich, C. “Rügen im Mittelalter” (Reihe: Forschungen zur Geschichte und Kultur des östlichen Mitteleuropa, Band 36), Stuttgart 2011
30. Ev. Kirchengemeinde St. Marien Bergen auf Rügen (Hg.) “Das bestickte Leinentuch aus dem Zisterzienserinnenkloster Bergen auf Rügen”, Bergen auf Rügen 2013
31. Möller, G. “Eine interessante ‘Schatzkiste’ aus dem Jahr 1318 in Stralsund - Ein Beitrag zur spätmittelalterlichen Sachkultur des norddeutschen Adels”, in: Baltische Studien, Neue Folge Band 102 (2016), Kiel 2017
32. Brunner, H., Klein, D. ”Wizlav - Sangsprüche und Minnelieder” IMAGINES MEDII AEVI Interdisziplinäre Beiträge zur Mittelalterforschung Band 52, Wiesbaden 2021

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