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Arnold Ruge

Der Publizist Arnold Ruge - ein Vorkämpfer für die Demokratie

Gedenktafel für Arnold Ruge in Bergen auf Rügen am heutigen Haus Markt 17. Sein Geburtshaus, das Haus seiner Cousine, befand sich an gleicher Stelle und wurde Anfang der 1990er Jahre leider abgerissen. (links)

Wikipedia-Eintrag zu Arnold Ruge

Zwei Kolumnen des Schriftstellers Walter G. Goes (ARTus), die wunderbar zusammenpassen, nicht nur im Zeichnungsstil der Porträts. Diese und weitere Originale werden noch bis zum 20. Februar im Stadtmuseum Bergen gezeigt:
Aus früherer Zeit - Der Herbst kommt

Blick auf das Hofgut in Bisdamitz, das Christoph Arnold Ruge, der Vater von Arnold Ruge, gepachtet hatte und auf dem Arnold mit seinen Geschwistern aufwuchs. Das ursprüngliche Gutshaus existiert infolge eines Brandes Anfang des 20. Jahrhunderts nicht mehr. (unten links)
Der idyllische Weiler Rugeshus an einer buchenbewaldeten Liete am Steilufer bei Nardevitz wurde von in Berlin wohnenden Nachkommen des jüngsten überlebenden Bruders Arnolds, des späteren MR Dr. Ludwig Ruge, als Sommerfrische angelegt. Die Häuser tragen so schöne plattdeutsche Namen wie “Haus Lütting” oder “Haus Gräuntwig”. Dazu gibt es heutzutage noch ein kleines, familiär geführtes Hotel. Rugeshus, die neuzeitliche Variante von Wislaweshaghen. (unten rechts)

Für den Einstieg in Person und Werk von Arnold Ruge kann ich zwei neuere Schriften empfehlen. Zum einen die vom Historiker Prof. Dr. Wolfgang Ruge (Vater des Autors und Trägers des Deutschen Buchpreises Eugen Ruge), einem Nachfahren von Arnolds Bruder Ludwig Ruge (2004, 112 Seiten):
Wolfgang Ruge: Arnold Ruge (1802-1880), Fragmente eines Lebensbildes (zurzeit überall vergriffen!)
Zum anderen die von Helmut Reinalter (2020, 268 Seiten):
Helmut Reinalter: Arnold Ruge (1802-1880) - Junghegelianer, politischer Philosoph und bürgerlicher Demokrat

Die vierbändigen Lebenserinnerungen Arnold Ruges “Aus früherer Zeit” werden gegenwärtig bei Hansebooks.com als Broschur mit vergrößertem Fraktur-Originalschriftsatz reproduziert. Der erste Band beinhaltet die Kindheits- und Jugendzeit auf Rügen, in Langenhanshagen und Stralsund und endet mit der Fahrt zum Studium nach Halle. Aber auch in den Bänden 2 und 3 gibt es Kapitel, in denen die Reisen zu den Eltern und Geschwistern nach Rügen und später nach Tribsees beschrieben werden. In ihnen erfährt man Fakten zur Familie, die im ersten Band noch nicht genannt wurden bzw. werden konnten. Anhand dieser Informationen werde ich hier später einen Stammbaum erstellen.
Aus früherer Zeit - Erster Band (Kindheit, Jugend, Schulzeit - 1802-1821)
Aus früherer Zeit - Zweiter Band (Studium, Schweizreise, “Jünglingsbund”, Verhaftung - 1821-1824)
Aus früherer Zeit - Dritter Band (Gefangenschaft, Dozent an Universitäten, Italienreise - 1824-1833)
Aus früherer Zeit - Vierter Band (Philosophiegeschichte, “Hallesche Jahrbücher” - 1833-1843)

Die Pariser Jahre 1843 und 1844, in denen Arnold Ruge zusammen mit Karl Marx die ersten beiden Ausgaben der “Deutsch-Französischen Jahrbücher” (in einem Doppelband) herausbrachte, sind in den folgenden Werken beschrieben, ebenso die sich anbahnenden politischen Differenzen, die schließlich zum Bruch zwischen beiden führten. Die Bücher sind nur noch antiquarisch zu erwerben.
Zwei Jahre in Paris. Studien und Erinnerungen von Arnold Ruge. Erster Theil.
Zwei Jahre in Paris. Studien und Erinnerungen von Arnold Ruge. Zweiter Theil.
Polemische Briefe. Von Arnold Ruge.

Zur Geschichte dieser Ruge-Familie möchte ich besonders die detaillierten Erinnerungen von Arnolds jüngerem Bruder, dem Medizinalrat Dr. Ludwig Ruge, empfehlen. Ein Nachdruck des ersten Bandes der zweiteiligen Ausgabe von 1889 erscheint in der Edition “Elibron Classics” von Adamant Media Corporation. Im Original sind beide Bände nur noch antiquarisch erwerbbar. Im ersten Band sind das Leben der Familie in Bisdamitz, Bergen und Franzburg, sowie Ludwigs Schulzeit in Langenhanshagen beschrieben, die Zeit in Tribsees fehlt jedoch und muss ausschließlich aus Arnolds “Aus früherer Zeit” erschlossen werden.
Ludwig Ruge: Erinnerungen aus meinem Leben - geschrieben für meine Kinder und Enkel

So unerklärlich, wie auch Ludwig Ruge die Gründe für die plötzlichen Nöte der Familie und damit für das Ende der schönen Zeit in Bisdamitz waren, so interessant sind einige Details seiner Kindheitserinnerungen auf dem Gutshof, die unmittelbar auch einen Bezug zum Anliegen meiner Website haben.
Auf den Seiten 74 und 76 schreibt er über die alte Köchin des Hofes, Ilse Kahl, die Anfang des 19. Jahrhunderts vermutlich noch Traditionen aus der Ranenzeit lebte. So fiel mir sofort ein, dass der Oberpriester im Angesicht des Swantevit-Bildnisses beim Reinigen des Tempels in Arkona nicht atmen, geschweige denn reden, durfte. (Schreibweise des Textes entsprechend des Originals - “Erinnerungen aus meinem Leben geschrieben für meine Kinder und Enkel. Dr. Ludwig Ruge Medicinalrath. Als Manuskript gedruckt. Berlin 1889. Druck von H. S. Hermann.” S. 74 und 76):

Bisdamitz. Unsere Leute.
... Ich habe dieses alte treue Wesen nur als Greisin gekannt. Ohne Zweifel hatten meine Eltern bei der Übernahme von Bisdamitz die alte Köchin als altes Inventarium mit übernommen; deshalb war sie mit der Familie gleichsam verwachsen, hatte uns Kinder von der Geburt an aufwachsen sehen und uns mit zärtlicher Liebe in ihr Herz geschlossen. Sie spielte auf unserem Hofe eine eigentümliche, aber hervorragende Rolle. Schon ihr Äußeres und ihre Kleidung hatten etwas Vorweltliches. Eine schwarze Kappe hielt ihr reichliches graues Haar zusammen, ein eng anschließendes Mieder schloß den Oberkörper ein, während kurze, weite Röcke, mehrere übereinander gezogen, den eigentlichen Anzug vollendeten. Dieser Anzug war wohl noch ein Rest aus der alten Wendenzeit, denn an hohen Festtagen sah man zu Bobbin in der Kirche noch mehrere alte Frauen, etwa wie die Bewohner des Spreewaldes, nur nicht in so grellen Farben. Ilse, in ihrem Sonntagsstaate, wurde immer von uns Kindern bewundert. ...
... Auf unserer Halbinsel Jasmund herrschte noch mancher wunderliche Aberglaube, von dem auch unsere alte Ilse Kahl erfüllt war. Am 1. Mai, wenn die Sonne sich zum Untergange neigte, dann nahm Ilse einen Besen, kehrte das ganze Haus aus und that dies mit einem stillschweigenden Eifer, der uns in großes Erstaunen versetzte. Was durch dies schweigsame Geschäft erreicht werden sollte, weiß ich nicht mehr, nur daß ich weiß, daß während desselben kein Wort von dem Werkthätigen gesprochen werden durfte. Wir Kinder schauten mit gespanntem Staunen diesem Treiben zu und hatten die Bosheit, die sonst so Redselige zum Sprechen zu veranlassen. Sie verschloß den angehäuften Zorn krampfhaft in ihrer Brust, schlug nur zuweilen mit dem Besen nach uns und vollendete diese, vielleicht für sie schwerste Arbeit. ...

Mein Fazit:
Arnold Ruges Erinnerungen lassen sich sehr angenehm lesen, sind überhaupt nicht altmodisch oder verquastet. Sehr humorvoll und offen schreibt er über seine Familienverhältnisse, das Leben auf dem Gutshof und sein eigenes Leben, auch über seine „Missetaten”. Einige Episoden zeigen, dass schon während der Schulzeit, später im Studium und in der Festungshaft, Arnold eine Ader dafür hatte, Menschen ganz konkret Gutes zu tun, Resignierende aufzumuntern, Andere von falschen Handlungen abzuhalten. Auch wenn er selbst dadurch persönliche Nachteile hatte. Das Gleiche ist mir übrigens bei seinem Bruder Ludwig in dessen Lebenserinnerungen aufgefallen. Die plötzliche schwere Krise, die das fast idyllische Leben der Familie in Bisdamitz beendete und sie schließlich über die Zwischenstationen Bergen und Franzburg nach Tribsees brachte - mit vor allem auch gesundheitlichen Konsequenzen -, wird zwar beklagt, aber immer mit einem stolzen “Kopf hoch!” angenommen. (Leider erfährt man nirgends die Gründe, die dazu geführt hatten.)
Anschaulich werden von Arnold die Reisebedingungen und Fortbewegungsmöglichkeiten in der Zeit vor Erfindung der Eisenbahn gezeigt. Im dritten Band erfährt man, wie wichtig bequemes Schuhwerk auf den größtenteils noch Fußmärschen über lange Distanzen war. Einigermaßen ausgebaute Chausseen gab es nur im Berliner Raum. Wenn er Geld dafür hatte und möglichst noch einen Reisegefährten, konnte er auch mal eine Postkutsche nehmen oder sich im Winter einen “Bauernschlitten” mieten.
Über die gesellschaftlichen Verhältnisse der damaligen Zeit mit ihren Umbrüchen erfährt man sehr viel, denn sie sind ja geradezu der Auslöser für Arnolds politische Entwicklung. Hart geht er mit den reaktionären Zuständen nach den “Karlsbader Beschlüssen” und deren Protagonisten ins Gericht. Sich nicht mit diesen Zuständen abzufinden, hatte ihn politisiert. Ob in der Burschenschaft oder anderswo, er war stets wortgewaltig, mit Emotion und zugleich einfühlsam und auch historisch belesen. Und er bewies sich schon damals als ein politischer Anführer. Den Menschen schätzte er aber immer nach seinem konkreten Handeln ein. So ist es nicht verwunderlich, dass Arnold jemandem, der zwar rückwärtsgewandte politische Überzeugungen hatte, ihn aber während seiner Gefangenschaft mit Lektüre für seine Befassung mit der griechischen Antike versorgte, Hochachtung zollte, auch wenn sie sonst nie auf einen politischen Nenner gekommen sind.
Manchmal musste er auch die Situation mit Humor nehmen. Arnold Ruge möchte eine Lehrtätigkeit an den Franckeschen Stiftungen zu Halle aufnehmen. Dazu benötigte er aber nach seiner Haftentlassung damals noch eine sogenannte “Bürgerliche Wiederherstellung” vom preußischen Hof. Die betreffende Passage aus Band 3 möchte ich hier nicht vorenthalten (Schreibweise des Textes entsprechend des Originals - “Aus früherer Zeit. Von Arnold Ruge. Dritter Band. Berlin. Verlag von Franz Duncker. 1863.” S. 295):

... Die Anwort von Berlin kam aber nicht. Nun war der Prinz Wilhelm mit seiner Frau in Weimar, man rieth mir, die Prinzessin, die jetzige Königin, in einem Briefe zu bitten, sie möge mir doch bei dem Kabinett eine Antwort auswirken, und ihr, um sie besser für mich zu stimmen, den Schill und den Oedipus beizulegen. Ich ließ mich bewegen, dies zu thun, hatte es aber zu bereuen. Denn ich erhielt keine andre Antwort, als: “Ihre königliche Hoheit danke dem Herrn von Rügen für die Zusendung der Bücher und überreiche ihm hiermit einen Dukaten.” Ich hatte mir den “Herrn von Rügen” und wahrscheinlich auch den Dukaten durch meine Unterschrift: Arnold Ruge, von Rügen, zugezogen. Hiermit wurde ich nun gehörig aufgezogen, und am meisten von denen, die mir’s gerathen hatten, von meinen Freunden Schmid und Asverus. Ich schämte mich, daß ich in die Falle gegangen war. Was nützte es, daß ich dem alten Göthe nicht den Hof machen wollte, wenn ich mich von der Prinzessin Auguste in den Adelsstand erheben und mit einem Dukaten beschenken ließ. ...

Zudem hat Arnold Ruge Nachdichtungen, z.B. des im Zitat genannten “Oedipus”, und Theaterstücke wie “Schill und die Seinen” verfasst (beide während der Gefangenschaft). Die Bände “Aus früherer Zeit” beinhalten Gedichte und Lieder von ihm und, folgt man einer Aussage im Text, hat er dazu auch komponiert.
Ich bin erstaunt, was er in der Zeit nach 1860, als er diese Bände geschrieben hatte, alles noch so detailreich gewusst hatte. Dass sein Onkel Bartel Ruge, Altermann der Tuchmacherinnung zu Stralsund, noch eine „Zopfperücke” (vermutlich mit Dreispitz) getragen hatte, kontrastiert z.B. ganz lustig mit dem doch sehr modernen und verständlichen Originaltext. Manche Passagen erinnern mich sogar an Wizlaws Denken und Fühlen. Und so wie dieser (“gewissenloser Plagiator”, “Politiker mit zweifelhaften Gaben und noch schlechterer Finanzmann”) wurde auch Arnold verkannt und mit negativen Urteilen belegt (Julian Schmidt in “Die Grenzboten 10”, Digitalisat-Link im Wikipedia-Artikel zu Arnold Ruge).
Arnold Ruge hatte jedoch als Publizist und als radikal linker Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung sehr viel für die Demokratie getan. Sein späterer Dissens sowohl zu politischen Ansichten von Arndt als auch von Marx ließ ihn - der sich zeitlebens als einen „rügenschen Bauernjungen“ gesehen hatte - bisher wohl „zwischen allen Stühlen sitzen“. Die DDR tat sich schwer mit Ruge und auch heute scheint er fast vergessen zu sein. Die 225. Wiederkehr seines Geburtstags 2027 sollte Anlass für eine Neubewertung seiner Person und seines Werkes und für eine Ehrung seines Angedenkens sein.

Wie sehr moderne politische Ansichten zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf fast noch mittelalterlich anmutende Zustände treffen, wie dass es noch Mägde und Knechte gab und Arnolds Vater mit „Herr” angesprochen wurde, und wie schwer es war, den jahrhundertelang verinnerlichten Feudalismus abzuschaffen, und zu welchem Trick der Vater Arnolds dabei greifen musste, zeigen beispielhaft und humorvoll die Kapitel 24 und 25 des Ersten Bandes (Schreibweise des Textes entsprechend des Originals - “Aus früherer Zeit. Von Arnold Ruge. Erster Band. Berlin. Verlag von Franz Duncker. 1862.” S. 63-68):

24. Die Wohnungen der Leute.
1. Dieser feine Unterschied der Kleider deutet ohne Zweifel auf eine verfeinerte Sitte, während andere Gebräuche jener Zeit uns jetzt wohl schon ein wenig urweltlich vorkommen. So erinnere ich mich, daß an Festtagen die Zimmer mit weißem Sande ausgeworfen und die Stühle und Tische an den Wänden umher mit Wachholder (“Knirk”) umlegt wurden. Der Wachholder wurde dazu in kleine Stückchen geschnitten, und verbreitete einen frischen Duft über die Zimmer. Wenn aber getanzt werden sollte, kehrte man allen Sand hinaus, und besprengte die Dielen ein wenig. Daß jedoch unser Nachbar, der Fähnrich, noch Lehmboden in seinen Zimmern hatte, und mit den Leuten an Einem Tische speiste, war eine Ausnahme von der Regel. Die Hofhäuser und die Schlösser waren gedielt. Die Bauernhäuser hingegen waren fast nie gedielt; dahin gehörten denn auch alle Häuser der Handwerker auf den Dörfern.
2. Eine Art Häuser, die noch tiefer steht, waren die Kathen. Dies sind die Wohnungen der Knechte und ihrer Familien, die nicht auf dem Hofe schlafen. Sie hatten in der Regel nur Ein Zimmer mit einem Ziegelofen; der Hausflur und die Küche nahmen den übrigen Raum ein. In dem einzigen Zimmer stand oft noch ein Webstuhl, und es ist mir selber ein Räthsel, wo dann die Familie noch Raum fand. Es ist mir aber noch sehr wohl im Gedächtniß, daß eine alte Frau, die lange meine Geschwister gewartet, zuletzt einen solchen Kathen bezog und zur großen Belustigung ihrer kleinen Gäste ein Schweinchen in der Ecke hatte, das sie dort mästete. Die Frau war konservativ. Sie hatte das Thierchen in der Stube, weil das eine alte Sitte war, während sie es leicht passender hätte unterbringen können, da sie allein in dem Häuschen wohnte. Eine Kuh hatte jeder Kathenbewohner auf dem Hofe. Für die Wohnung und die Kuh kamen die Frauen der Käthner einmal in der Woche zu Hofe, und halfen in der Arbeit, meist beim Waschen und Backen, oder in der Ernte, wo sie dann öfter kamen.
Dies war aber keine Leibeigenschaft mehr. Die Knechte wurden bezahlt, und alle waren freizügig; jedoch ist der Hofdienst und die ganze Kathen-Einrichtung noch ein Ueberbleibsel von der Leibeigenschaft.
3. Diese wurde durch die Schwedische Regierung in Pommern und Rügen viel früher aufgehoben, als in Mecklenburg. Die Leute pflegten noch bisweilen davon zu erzählen, sie nannten sie “Unterthänigkeit”; das Verhältniß war ihnen aber nur von ihren Eltern her bekannt.

25. Die Kossathen wollen hörig bleiben.
1. Der Graf Brahe, - ein Nachkomme des Generals Wrangel, dem die Güter auf Rügen nach dem Westphälischen Frieden geschenkt worden waren, die jetzt mein Vater verwaltete, - der Graf Brahe ging noch einen Schritt über die bloße Abschaffung der Leibeigenschaft hinaus, hob die Hof- und Frohndienste der Kossathen oder Halbbauern, die drei Pferde hatten, und damit auf dem Hofe arbeiten mußten, auf. Dieser Dienst war ein sehr beschwerlicher, da sie alle weit von dem Hofe, dem sie angehörten, entfernt wohnten, und sehr häufig eine Zeit in fremdem Dienst verloren, die ihnen sehr viel werth war, wie in der Erndte gutes trocknes Wetter; der Grundherr hob nun diese Frohnden mit einem Male ohne alle Entschädigung auf, und mein Vater hatte alle Kossathen der verschiedenen Güter um sich zu versammeln, um ihnen ihre Befreiung anzukündigen.
2. Meines Vaters Zimmer war mit den vorgeladenen Kossathen gänzlich angefüllt, und er erwartete lauter dankbare und glückliche Gesichter um sich zu sehn, als er das Abkommen des Grundherrn mit den Pächtern, und sodann die völlige Befreiung aller Kossathen von den Hof- und Frohndiensten vorgelesen und ihnen erklärt hatte, daß sie also von nun an freie Bauern wären und ganz ihre eignen Herren, wie er z. B. selber. Aber er hatte die Rechnung ohne seine Gäste gemacht. Einer schrie auf: “Das ist eine Hinterlist! Wir sollen um unser Altentheil betrogen werden! Wer soll uns Haus und Nahrung geben, wenn wir alt werden?” Und sogleich fielen eine Menge Stimmen ein: “Das thun wir nicht! Das lassen wir uns nicht gefallen! Es soll bleiben, wie es gewesen ist!”
Also ihr wollt nach wie vor den Hofdienst thun? fragte mein Vater.
“Ja, das wollen wir! Das ist unser Recht! Wir wollen bleiben was wir sind!”
Und es entstand ein wahrer Tumult im Zimmer, so daß niemand mehr ein Wort verstehen konnte. Es dauerte eine Weile, bis er sich gelegt hatte. Sie wollten nichts weiter hören, das sei schon schlimm genug.
Nun, sagte mein Vater ganz ruhig, ich habe euch auch weiter nichts zu sagen; und wenn euch wieder Hofdienst angesagt wird, so könnt ihr ja hinziehn und ihn leisten. Geht nun nur nach Hause und betreibt eure Wirthschaft wie bisher. Wenn Einer von euch sich zu beschweren hat, so kann er immer zu mir kommen.
“Wir wissen, Herr, sagte dann Einer aus dem Haufen, daß Sie es gut mit uns meinen; aber dem Dinge da (auf die Schrift zeigend) trauen wir nicht. Wir wollen nichts geändert haben. Es kann ja doch nur ärger werden!”
Ich glaube auch, erwiederte mein Vater ausweichend, daß es bleiben muß, wie es nun einmal ist; (damit meinte er die Aufhebung der Frohndienste.)
“Nun, wenn das ist, sind wir zufrieden”, riefen mehrere, und mein Vater entließ sie in dem Glauben, daß sie nach wie vor Fröhner wären.
Später kamen sie alle Einzeln wieder, wunderten sich, daß ihnen kein Hofdienst mehr angesagt würde, und fragten, ob es nur wirklich wahr wäre, daß man sie nicht von Haus und Hof jagen wolle. Es war nöthig, jeden Einzelnen über seine neue bessere Lage aufzuklären; in Wahrheit ließen sie sich nur befreien, weil sie es nicht hindern konnten.
3. Diejenigen, welche mir Schuld geben, ich hätte den Deutschen immer zu viel zugetraut, wissen nicht, wie früh ich ihr Talent, sich ihren Befreiern zu widersetzen, kennen gelernt.

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