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Mein Plädoyer für Wizlaw, den Dichter, Komponisten, Sänger UND Fürsten
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Unter den nicht allzu wenigen Schriften, die sich - mehr oder weniger literaturwissenschaftlich, umfangreicher oder kürzer - dem Minnesänger Wizlaw widmen oder ihn zumindest streifen, gibt es zwei, die die Identität des Minnesängers mit dem Fürsten Wizlaw anzweifeln. Es sind dies die beiden Aufsätze “Drei Spielmannsnamen” von Anton Wallner aus dem Jahr 1908 (erschienen in “Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur, Band 33”) und “'wizlau diz scrip' oder: Wer ist der Autor von J, fol.72v-80v?” von Wilfried Seibicke (erschienen im Niederdeutschen Jahrbuch 101, 1978). War also der Minnesänger und Spruchdichter Wizlaw der Jenaer Liederhandschrift auch wirklich der Fürst Wizlaw der Junge von Rügen?
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Der Haupteinwand beider gegen eine Autorenschaft des Fürsten Wizlaw III. von Rügen ist das ihrer Meinung nach wenig fürstliche Repertoire des Dichters Wizlaw, seine gleichwertige Wichtung von Minnesang und Spruchdichtung, ja sogar, dass er überhaupt Sprüche gedichtet hat. Aber warum sollte ein Fürst oder angehender Fürst denn keine Sangsprüche verfassen? Nur weil es andere Hochadlige nicht gemacht haben? Für Wizlaw ist doch ganz offensichtlich das Dichten und Komponieren nicht nur Zeitvertreib gewesen, weil es gerade Mode war, wie für seine Standesgenossen. Er tat es gleichwohl aus Berufung. Und warum sollte es nicht möglich sein, dass der letzte Rügenfürst in bestimmten Fragen anders gedacht hat als das Gros seines Standes? Dass er sich in seinen Sprüchen Gedanken um das Zusammenleben der Menschen macht, spricht doch eher für seine Rolle als Fürst und Politiker als dagegen. Als Argument für eine Identität von Sänger und Fürst möchte ich hier nur einmal seine Minnelieder anführen. Diese Lieder lassen doch geradezu das höfische Leben wieder vor uns aufblühen. So wie Wizlaw diese ritterliche Kultur beschreibt, die zu seiner Zeit an vielen anderen Höfen schon am Verblassen war, kann es nur einer tun, der diese selbst erlebt und gelebt hat. Es gibt meines Wissens nur wenig andere Texte aus der Zeit um 1300, die die höfische Kultur ähnlich preisen wie die Lieder Wizlaws. Man darf auch nicht vergessen, dass der Minnesang zu dieser Spätzeit nicht mehr den strengen Konventionen jenem der Blütezeit ein Jahrhundert zuvor folgt. Auch deshalb sind des Rüganer Lieder ja so lebensfroh und von der Sehnsucht nach erfüllter Liebe und gemeinsamem Glück der Liebenden geprägt. Nicht nur die geänderten sozialen Verhältnisse im Spätmittelalter, sondern auch die besondere regionale und kulturelle Situation im slawisch-deutschen Interferenzgebiet an der Ostsee werden Wizlaw geprägt haben. Zum einen hatten Fürsten dort wohl nicht die Machtfülle wie anderenorts und mussten sich gegen starke Städte und die eigenen Vasallen behaupten - Wizlaw könnte gerade davon “ein Lied singen”. Zum anderen kommt auch seine slawische Herkunft zum Tragen. Die alten Chronisten sagten z.B. über die Ranen, dass “ihre Kinder lange Zeit das tun durften, was sie gern mochten”. (Die Quelle, evtl. Helmold, habe ich leider nicht mehr zur Hand. Wer kann mir da auf die Sprünge helfen?) Und Wizlaw wollte wohl gern singen, da er eine Begabung für Musik hatte, die sich in seinen wunderbaren, z.T. slawisch und skandinavisch inspirierten Melodien zeigt. Wenn Wizlaw im Minnelied Der walt vñ angher lyt ghe breyt die Maiwonnen besingt, die er mit seinen Freundinnen und Freunden “in angher vñ vph alben” genießt, so deutet auch das auf seine wunderschöne Heimat hin: Bei einer Wanderung von Bergen nach Ralswiek eröffnete sich mir beim Örtchen Stadthof plötzlich eine Landschaft wie auf einer Alm in den Alpen. Sicher gibt es auf der Insel Rügen noch mehr solcher Flecken, die, wie Stadthof, nicht nur in den Höhenlagen von Stubnitz oder Granitz zu finden sind. Da wir gerade bei der Natur sind: Im Mailied De voghelin beschreibt Wizlaw, wie Blumen die Wiesen in bunte Teppiche verwandeln, und nennt dabei drei Farben, die auch heutzutage das Bild der Landschaft Rügens prägen. ghel (gelb) sind Löwenzahn und Butterblume, wyt (weiß) die Gänseblümchen, aber auch der zur Pusteblume gewordene Löwenzahn, und rot der Klatschmohn. Gerade das Rot des Mohns macht Gelb, Rot und Weiß zur typischen rujanischen Farbkombination der Frühlingsblumen, denn kaum woanders gibt es so viel Mohn wie auf Rügen und dem Festland davor. Immer ist für Wizlaw auch die Freude darüber wichtig, dass die Maisonne endlich den oft besonders harten rügenschen Winter mit seinem “kalde sne vñ iz der wint” - so in des Sängers erotischstem Minnelied - bezwingt. All diese Anklänge an Natur und Umwelt in Wizlaws Liedern geben ein starkes Indiz für die Autorenschaft des letzten Fürsten der Rujanen. Und auch die “riche van”, zu der die Festwiese aus Blumen und blumenbekränzten Frauen “ghe sticket wirt” (Lied De erde ist vnt slozen), entspringt für mich aus Wizlaws Lebensumfeld. Denn Lehnsfahnen hatten eine große Bedeutung als Symbol der Fürstenherrschaft. Wizlaw selbst empfing aus den Händen König Eriks bei seiner Belehnung sieben Fahnen stellvertretend für die sieben rujanischen Länder Insel Rügen, “die Lande zum Sunde”, Barth, Saal, Tribsees, Grimmen und Loitz. Dass Fahnen für Rügen eine besondere Symbolik hatten, zeigt sich zudem im Münzbild der fürstlichen Brakteaten, die seit Wizlaw I. eine Flagge als Hoheitszeichen trugen. Im Spruch Ich wende buwen vph eyne stat schreibt er “Inder půtten ich be lac”. Was wäre aber, wenn Wizlaw anstelle des mittelniederdeutschen Wortes für Pfütze das Land Pütte - westlich von Stralsund gelegen - als den Ort meint, an dem er ein Haus baute und dieses einstürzte?
Ist nicht gerade der Spruch, der immer als DER Beleg gegen eine Identität von Dichter und Fürst angeführt wird, eigentlich jener, der diese geradezu bestätigt?
Und wie steht es um A herre ghot we lebe ist mich, den Lobspruch auf den Herrn von Holstein? Dieser wird hauptsächlich angebracht, wenn es darum geht, eine Identität des Minnesängers und Spruchdichters Wizlaw mit dem rügenschen Fürsten Wizlaw III. abzulehnen. Die These lautet: Wie kann es sein, dass ein ranghöherer Adliger (Fürst) einem rangniederen (Graf) einen Lobspruch widmet, was zudem noch das originäre Repertoire von fahrenden bürgerlichen Sängern gewesen ist? Auch der schließt die Autorenschaft des Rujanen nicht aus, im Gegenteil. Zum einen zählten die verschiedenen Linien der Holsteiner Grafen zu den befreundeten Höfen der Wizlawiden. Das wird durch den Urkundenbestand gut belegt. In einer Urkunde aus dem Jahr 1318 über den Inhalt einer in Stralsund deponierten Truhe wird ein “goldenes Nesselblatt” als vermutlicher Besitz Wizlaws erwähnt. Das Nesselblatt war das Wappen der Holsteiner Grafen und erscheint noch heute unter anderem im Landeswappen Schleswig-Holsteins. Hierbei handelt es sich wohl um das Abzeichen einer besonderen Verbundenheit, wie das auch heute bei Politikern durchaus üblich ist. Meine Vermutung, Wizlaw könnte in jungen Jahren als Knappe an einem Holsteiner Hof gedient und in ritterlicher Begeisterung seinem vorübergehenden Herrn diesen Spruch gedichtet haben, wurde durch die Analyse von Dr. Cölln (Universität Rostock) auf zwei der Kolloquien zu Ehren Wizlaws 2025 widerlegt. Mir war nämlich etwas entgangen, was in der Spruchdichtung nicht unüblich war: In diesem Spruch wird mit Worten gespielt und zugleich der Name des Gelobten auch genannt. “wen ich an se vil eren rich. / von holsten eynen herren wert / den han ich vch ghe nennet.” Es handelt sich also um einen Erich von Holstein, und es gibt nur einen, der in Wizlaws Zeit fällt: Erich von Holstein-Schaumburg (* ca. 1304; † zwischen 21. November 1350 und 15. Januar 1351), Propst zu Hamburg und später von Papst Johannes XXII. ernannter Bischof von Hildesheim. Seine Lebensdaten bedeuten, dass Wizlaw den Lobspruch (in einem Ton, den er sicher schon viel früher erfunden hatte) sehr spät im Leben, vermutlich in seinem letzten Lebensjahr, verfasst haben muss. 1325 war dieser Erich gerade einmal zwanzig Jahre alt. In “C. G. Fabricius: Urkundenbuch, III. Heft, Vierte Abtheilung” werden noch weitere, sehr interessante Details bezüglich des Todes von Wizlaw III. und dessen Gedenken geschildert: Der Hamburgische Dompropst Johann von Kamp (vermutlich identisch mit einem namentlich genannten Teilnehmer an Wizlaws “Abschiedsfest” im Sommer 1325) verfügte in seinem Testament vom 19. Juni 1353: “Item volo et ordino, ut in anniversario obitus quondam domini Witzlavi iunioris, principis Ruyanorum, qui occurrit in crastino b. Willehadi episcopi, 2 mrc. - ministrentur.” (Ich wünsche und ordne ferner an, dass am Jahrestag des Todes des verstorbenen Herrn Wizlaw des Jüngeren, Fürst der Rujanen, der auf den Tag nach dem seligen Bischof Willehad fällt, 2 Mark (an den Zehnt von Rethwisch, J.R.) gegeben und ein Gottesdienst abgehalten wird.) Am 27. Februar 1363 stiftet der Hamburger Scholasticus Heinrich: “2 mrc. pro memoria principum Ruyanorum, videlicet Wyslai iunioris et Sambori fratris.” (2 Mark zum Gedenken an die Fürsten von Rügen, nämlich Wizlaw den Jüngeren und seinen Bruder Sambor.) C. G. Fabricius kommt zu dem Schluss: “Diese Stiftungen geben einen interessanten Beleg für das Andenken, in welchem die letzten Rügenschen Fürsten bei der Geistlichkeit standen.” Für mich stellen diese Gedenken Mitte des 14. Jahrhunderts zudem einen Bezug zur Todeszeit des Bischofs Erich (1350/51) her. Die zitierten Textpassagen bezeugen, dass es im Wirkungsbereich dieses Bischofs ein starkes Andenken an Wizlaw gegeben hat und ein enger, vielleicht sogar persönlicher Kontakt Wizlaws zum Hamburger Domkapitel bestanden haben muss. Bei einem solch besonderen Verhältnis sind dann weder das junge Alter Erichs noch seine spätere geistliche Laufbahn noch die Tatsache des Lobspruchs eines Fürsten kurz vor seinem Lebensende auf einen jungen Grafensohn verwunderlich. Doch was bewog diese Geistlichen zu diesem auffallend starken Gedenken? Von Wizlaw ist kein besonderes Engagement für die Belange der Kirche überliefert, zumindest keines, das über das übliche Handeln von Herrschern in der damaligen Zeit hinausgeht. Er hatte Stiftungen an die Kirche gemacht und den Bau der Barther Marienkirche initiiert und gefördert. Aber er gründete zum Beispiel keine neuen Ordensniederlassungen, wie etwa sein Großvater Jaromar II.. Und ganz im Gegensatz zu diesem hatte sich Wizlaw auch nicht politisch oder gar militärisch für die Kirche engagiert. Seine in seinen Sprüchen zum Ausdruck kommende christliche Gesinnung zeigt keinen Dogmatismus, erst recht keinen Fanatismus. Sie ist sehr persönlich gehalten, als ob Wizlaw eigene Notlagen auf diese Weise thematisiert und zum anderen seine eigene Entscheidung für das Christentum kundtut. Gott erscheint ihm wie ein Helfer derjenigen, die Gutes für andere tun. Er zeigt zudem religiöse Toleranz, ob auf den Glauben der antiken Römer bezogen oder darin, dass auch Heiden zu seiner Zeit den Verfall der Gesellschaft beklagen. Kann es sein, dass es gerade diese christliche Grundhaltung war, die ihn durch Geistliche so würdigen ließ? Kann es sein, dass er ebenso versucht hatte, sein Land sozial gerecht zu gestalten, damit jede und jeder “etwas abbekommt”? Und könnte gerade auch das ein Grund für seine Konflikte mit dem wirtschaftlich mächtigen Stralsund gewesen sein? Was wäre, wenn es im Mittelalter gar so etwas wie einen “sozialistischen Feudalismus” gegeben hätte? Natürlich herrschte mittelalterliches Denken, was die Gestaltung der Gesellschaft betraf. Die Standesunterschiede waren real. In Wizlaws Liedern und Sprüchen lese ich viel von einem gleichberechtigten Liebesverhältnis, von wahrer Minne, vom Tun an guten Werken, auch von der Begeisterung für die höfisch-ritterliche Gesellschaft. Aber nirgends lese ich irgendeinen Standesdünkel heraus.
Mein Fazit: Wizlaw III. von Rügen war der Minnesänger und Spruchdichter Wizlaw der Jenaer Liederhandschrift.
Ja, in der Jenaer Liederhandschrift sind außer Wizlaw ausschließlich bürgerliche und niederadlige Sänger versammelt. Aber der Wizlaw-Corpus kam erst später als Nachtrag hinein. War es vielleicht die einzige Handschrift, die für den Kompilator verfügbar war, der sicher auch aus der östlichen Region des römisch-deutschen Kaiserreichs stammte? Die im alemannischen Südwesten entstandenen großen Codices wird er schlicht nicht gekannt haben. Unserem Wizlaw wird all das nicht traurig gemacht haben, viel eher, dass ein Teil seines Werks (bisher) verloren gegangen ist und dass mancher ihm seine Autorenschaft streitig machen möchte. Sowohl die Bewunderung der Jesusgeburt in einem der religiösen Sprüche als auch die vielen Anklänge in seinen Minneliedern zeigen zum einen Wizlaws Wunsch, dass es den Frauen gut gehen und sie keine Schmerzen haben sollen. Zum anderen schwingt aber auch die Sehnsucht nach eigenen Kindern mit, die Wizlaw aufgrund der schon erwähnten langen Kinderlosigkeit seiner beiden Ehen hatte. Zu den Besonderheiten in Wizlaws Leben kommt in diesem Zusammenhang noch eine weitere hinzu, die nicht zu unterschätzen ist: Wizlaw wie sein Bruder Sambor wurden nicht von ihren Eltern für eine Ehe vorbestimmt, was sonst gerade in Fürstenkreisen teilweise schon im Kleinkindalter üblich war, um familiäre und damit politische Bande zu knüpfen oder zu festigen. Vielleicht hängt es mit der schon genannten Freiheit zusammen, die den Ranenkindern traditionell gelassen wurde. Ein Risiko für die Familie war es trotzdem, zumal beide Prinzen beim Tode ihres Vaters nicht verheiratet und vermutlich auch noch nicht verlobt waren. Es wird wohl auch dahingehend einiges anders als bei anderen Geschlechtern gewesen sein, sodass man mit pauschalen Einordnungen nicht weiterkommt. All das zeigt, dass es meiner Meinung nach generell gut wäre, sich weniger von den Vorstellungen über den hohen Adel leiten zu lassen, die hauptsächlich in den Zeiten des Barock und Rokoko geprägt wurden. Mittelalterliche Menschen hatten eine ganz andere Gedankenwelt und Lebenswirklichkeit. Jeder, egal ob Bauer, Bürger, Ritter oder eben Fürst, hatte sich als schwaches und fehlbares Menschenkind angesichts der Allmacht Gottes empfunden. Einige der Sprüche Wizlaws führen uns das ganz deutlich vor Augen. Und lesenswert ist, wie häufig “Sühne”, “haben uns gesühnt”, “haben uns versöhnt” gerade in den Friedensurkunden zwischen Wizlaw und seiner Stadt Stralsund vorkommen. Wizlaw war ein Mensch aus Fleisch und Blut mit all seinen Ideen, Wünschen, Hoffnungen, Eigenheiten, Schwächen, Fehlern und Liebenswürdigem ... und hat sich auch dreimal (nicht ganz uneitel, aber doch sympathisch) in seiner Dichtung verewigt. Ohne dem würden wir heute gar nicht wissen, dass der letzte Fürst der Rujanen, der für seine Zeitgenossen wohl immer “Vvizlau der iūghe” geblieben ist, uns solche schönen Gedanken und Melodien hinterlassen hat.
Die Dissertation von Dr. Birgit Spitschuh - ein bisher leider wenig beachtetes Werk zu Wizlaw III.
Es ist schade, dass ein sehr wichtiges Werk über den Minnesänger und Spruchdichter Wizlaw von Rügen oft nicht gewürdigt wird: die noch zu DDR-Zeiten erschienene Dissertation von Dr. Birgit Spitschuh ”Wizlaw von Rügen: eine Monografie” (Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald 1989). Neben einer umfangreichen und sehr warmherzigen Würdigung des Dichters nimmt sie u.a. auch Stellung zu den Thesen Wallners und Seibickes, analysiert die Sprachform der Gedichte und interpretiert die Texte, wobei sie eigene Übersetzungen dazu darbietet. Zwei ihrer Gedanken möchte ich noch aufgreifen. Zum Schicksalslied (Mir ge schit nicht wen mir scaffen ist) schreibt die Autorin: “Dieser Spruch wirkt überzeugend aus dem Munde eines Mannes, der regieren will.” Was wäre, wenn es in der Realität wirklich so verlaufen ist wie in der Fiktion des Singspiels “Wizlaw, der Verführer”? Wenn der erstgeborene Prinz Wizlaw tatsächlich zugunsten seines jüngeren Bruders Sambor als Nachfolger von seinem Vater zurückgesetzt werden sollte? Vielleicht, weil er ihm aufgrund seiner Sangesleidenschaft oder seines Idealismus das Amt eines Fürsten nicht zutraute oder vielleicht auch wegen seiner Behinderung? Das wäre ein fast einmaliger Vorgang! Aber auch die dann tatsächlich stattgefundene gemeinsame Regentschaft beider Brüder ist schon sehr bemerkenswert. Im Exempel Tzů rome eyn wnderlist ghe scach, das sich mit Leben und Opfertod des römischen Ritters Marcus Curtius befasst, gibt es eine kurze, aber erstaunliche Passage. Wizlaw schreibt “yr ghot” und gesteht damit den antiken Römern einen anderen Gott als den christlichen zu (oder einen von mehreren Göttern). Und das ohne irgendeine negative Wertung! Auf den zweiten Blick ist diese Toleranz gar nicht so verwunderlich, denn zum Zeitpunkt von Wizlaws Geburt um 1265 waren noch keine hundert Jahre vergangen, als die Ranen und damit deren Fürstenhaus als letzte Mitteleuropäer christlich wurden. So könnte hier die Erinnerung an die eigene Vergangenheit mitgeschwungen haben. (Ein ähnliches Beispiel für religiöse Toleranz zeigt das Gleichnis vom Traum Nebukadnezars. In diesem Spruch lässt Wizlaw sowohl Christen als auch Heiden den Verfall der Welt beklagen.) Dr. Spitschuh unterzieht beide Textstellen - wie auch andere in Wizlaws Schaffen - einer intensiven und lesenswerten Analyse. Ihrem Werk sei eine größere Bekanntheit gegönnt!
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Auch zwei sehr neue Schriften gehen von einer Identität des Verfassers der Texte und Melodien der Seiten 72v-80v der Jenaer Liederhandschrift mit dem Fürsten Wizlaw III. von Rügen aus und begründen dies auch überzeugend: Reinhard Bleck in seiner 2000 erschienenen Monographie “Untersuchungen zur sogenannten Spruchdichtung und zur Sprache des Fürsten Wizlaw III. von Rügen” (hier findet ihr einen interessanten Aspekt aus seinen Untersuchungen) und Horst Brunner und Dorothea Klein in dem von ihnen 2021 herausgegebenen Werk “Wizlav - Sangsprüche und Minnelieder”. Mein Fazit: Die beiden Wappen am Bild des rot gewandeten und rot bekrönten Minnesängers sind berechtigt!
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Die Quellen, auf die ich mich bei meiner Arbeit vorrangig gestützt habe (chronologisch geordnet): 1. Hagen, Fr. H. v. d. “Minnesinger, Deutsche Liederdichter des 12., 13. und 14. Jahrhunderts I - IV”, Leipzig 1838 2. Fabricius, C. G. ”Urkunden zur Geschichte des Fürstentums Rügen unter den eingeborenen Fürsten”, Stettin 1851 3. Dannenberg, H. ”Pommerns Münzen im Mittelalter”, Berlin 1864 4. Pyl, Th. “Lieder und Sprüche des Fürsten Wizlaw von Rügen”, Greifswald 1872 5. Dannenberg, H. ”Münzgeschichte Pommerns im Mittelalter”, Berlin 1893 6. Pyl, Th. ”Die Entwicklung des pommerschen Wappens, im Zusammenhang mit den pommerschen Landesteilungen”, in Pommersche Geschichtsdenkmäler VII, Greifswald 1894 7. Behm, O. “Beiträge zum Urkundenwesen der einheimischen Fürsten von Rügen”, Greifswald 1913 8. Gülzow, E. ”Des Fürsten Wizlaw von Rügen Minnelieder und Sprüche”, Greifswald 1922 9. Haas, A. ”Arkona im Jahre 1168”, Stettin 1925 10. Hamann, C. ”Die Beziehungen Rügens zu Dänemark von 1168 bis zum Aussterben der einheimischen rügischen Dynastie 1325”, Greifswald 1933 11. Scheil, U. “Genealogie der Fürsten von Rügen (1164 - 1325)”, Greifswald 1945 12. Rudolph, W. ”Die Insel Rügen”, Rostock 1954 13. Ohle, W., Baier, G. ”Die Kunstdenkmale des Kreises Rügen”, Leipzig 1963 14. Steffen, W. ”Kulturgeschichte von Rügen bis 1817”, Köln, Graz 1963 15. Werg, S. ”Die Sprüche und Lieder Wizlavs von Rügen, Untersuchungen und kritische Ausgabe der Gedichte”, Hamburg 1969 16. Váňa, Z. ”Die Welt der alten Slawen”, Praha 1983 17. Gloede, G. ”Kirchen im Küstenwind - Band III”, Berlin 1984 18. Herrmann, J. (Hg.) ”Die Slawen in Deutschland - Ein Handbuch”, Berlin 1985 19. Spiewok, W. ”Wizlaw III. von Rügen, ein Dichter”, in: Almanach für Kunst und Kultur im Ostseebezirk, Nr. 8 (1985) 20. Spitschuh, B. ”Wizlaw von Rügen: eine Monografie”, Greifswald 1989 21. Lange, A. “Tausendjähriges Ralswiek”, Bergen 1990 22. Hages-Weißflog, E. “snel hel ghel scrygh ich dinen namen - Zu Wizlaws Umgang mit Minnesangtraditionen des 13. Jahrhunderts”, in: ”Lied im deutschen Mittelalter. Überlieferung, Typen, Gebrauch”, Tübingen 1996 23. Bleck, R. ”Untersuchungen zur sogenannten Spruchdichtung und zur Sprache des Fürsten Wizlaw III. von Rügen” GAG Folge 681, Göppingen 2000 24. Schmidt, I. ”Götter, Mythen und Bräuche von der Insel Rügen”, Rostock 2002 25. Jahn, L. ”Wizlaw III. von Rügen - Fürst und Minnesänger” und ”Wizlaws Liederbuch”, Hofgeismar 2003 26. Sobietzky, G. “Das Fürstentum Rügen und sein Geldwesen”, Stralsund 2005 27. Kratzke, Ch., Reimann, H., Ruchhöft, F. “Garz und Rugendahl auf Rügen im Mittelalter”, in: Baltische Studien, Neue Folge Band 90 (2004), Kiel 2005 28. Ruchhöft, F. “Die Burg am Kap Arkona” (Reihe: Archäologie in Mecklenburg-Vorpommern, Band 7), Schwerin 2010 29. Reimann, H., Ruchhöft, F., Willich, C. “Rügen im Mittelalter” (Reihe: Forschungen zur Geschichte und Kultur des östlichen Mitteleuropa, Band 36), Stuttgart 2011 30. Ev. Kirchengemeinde St. Marien Bergen auf Rügen (Hg.) “Das bestickte Leinentuch aus dem Zisterzienserinnenkloster Bergen auf Rügen”, Bergen auf Rügen 2013 31. Möller, G. “Eine interessante ‘Schatzkiste’ aus dem Jahr 1318 in Stralsund - Ein Beitrag zur spätmittelalterlichen Sachkultur des norddeutschen Adels”, in: Baltische Studien, Neue Folge Band 102 (2016), Kiel 2017 32. Brunner, H., Klein, D. ”Wizlav - Sangsprüche und Minnelieder” IMAGINES MEDII AEVI Interdisziplinäre Beiträge zur Mittelalterforschung Band 52, Wiesbaden 2021
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