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7. Kapitel

Wislaw und Witzlaw
– eine märchenhafte Rügener Geschichte –

aufgeschrieben 1474 vom Ritter Satko zu Saatel, übersetzt ins Neuhochdeutsche von Jens Ruge aus Hamburg ;-)

Kapitelübersicht:
1 Der freche Greif oder Ohne Witzlaw wäre alles sooo schön einfach!
2 Brautwerbung am Königshof oder Sonnige Aussichten für Wislaw
3 Der Weg in die Zukunft oder Unter der Last der Vergangenheit
4 Entscheidung auf dem Rugard oder Der falsche Alexander
5 Dem Tod entronnen oder Schicksalsschlag in Riga
6 Minnesang und Ritterspiel oder Die Hochzeit von Rujana
7 Im siebten Himmel oder Oh, liebliche Minne!

Der Weg in die Zukunft
oder

Unter der Last der Vergangenheit

Wislaw und Satko weilen nun schon zwei Wochen am dänischen Königshof auf Burg Vordingborg. Erik, der König, ist gerade mal vierzehn Jahre alt und untersteht noch der Vormundschaft seiner Mutter Agnes und des Schleswiger Herzogs Waldemar, denn vor zwei Jahren wurde sein Vater Erik, genannt Klipping, auf einer Jagd von Verschwörern ermordet. In diesen ganzen Wirren kam auch Margarete, die aus einer Seitenlinie der königlichen Familie stammt, an den Hof, um dort Schutz zu finden.

Am heutigen Tag sitzen der Prinz und sein Schildknappe gerade bei einer Runde Wurfzabel. Satko lachend: „Jetzt habe ich Euch schon wieder besiegt! Damit das nicht immer wieder passiert, bitte ich Euch, mir das andere Spiel beizubringen, das königliche. Dort kommt es doch auf Klugheit an und weniger auf Glück, und Ihr seid darin ja ein Meister.” „Schön, Satko, dann fangen wir am besten gleich einmal damit an. Denke aber immer daran: Es braucht seine Zeit, bis du alle Kniffe kennst. Du musst Geduld dabei haben. Aber dieses Spiel zu erlernen, ist auch wichtig für dich als Knappe und später dann als Ritter. Denn es zu beherrschen, ist eine der ritterlichen Tugenden. Du lernst zum Beispiel dabei vorausschauend und manchmal auch um die Ecke zu denken, damit du zu einer Lösung gelangst.” Beide setzen sich in eine andere Fensternische, dorthin, wo sich das Brett für das Schachzabel befindet.
Wislaw übt bereits mit Satko die Grundzüge des Spiels, als Herzog Waldemar dazu tritt: „Herr Wislaw, ich würde Euch gern zu einem Spiel herausfordern! Zum nächsten Glockenschlag? Wäre Euch das recht?” „Mit Vergnügen, hoher Herr. So kann mein Knappe auch gleich etwas dabei lernen.” „Habt ihr in Eurem Land nicht sogar einen Namen dafür, wenn jemand bei einem Spiel zuschaut?” „Ja, Herr. Es heißt ’cziwitat’ und kommt von dem Vogel Cziwitka, Kiebitz. Vor allem nennen wir das so, wenn jemand etwas unerlaubt sehen will.” Wislaw lacht.

Wislaw spielt Wurfzabel mit Satko und Schachzabel mit Herzog Waldemar

So sitzen nun der schleswigsche Herzog und der rujanische Prinz am Schachzabeltisch. Ja, Wislaw spielt dieses Spiel sehr gern. Es ist wie das Abbild der Welt. Und auch hier ist für ihn das Höchste die Dame, die stärkste Figur auf dem Brett. Doch seine Lieblingsfigur ist der Ritter. Mit ihr kann er die einfallsreichsten Züge machen und das reizt ihn.

Genau in dem Moment, als Wislaw einen der beiden weißen Ritter - oder besser gesagt, den Kopf dessen Pferdes - in der Hand hält, um diesen zu ziehen, spricht ihn der Herzog an: „Herr Wislaw, was wisst Ihr eigentlich über Euren Großvater, den Fürsten Jaromar, den zweiten dieses Namens? Wisst Ihr, was damals in Dänemark war?” „Edler Herzog, ich habe ihn nicht mehr kennengelernt. Ich weiß nur das, was in meiner Familie über ihn erzählt wurde: Dass er zwei unserer Städte das Lübische Recht verliehen und mehrere Klöster der Bettelorden gegründet hatte, und, dass er überhaupt ein großer Streiter für die Kirche war. Bei einem Kriegszug aufseiten des Erzbischofs gegen das Königsheer ist er 1260 umgekommen. Verzeiht, hoher Herr, dass ich nicht viel mehr über ihn sagen kann.”
„Und ihr habt nie nachgefragt?” Wislaw hebt bedauernd die Hände. „Nun denn, dann berichte ich Euch jetzt von den Schandtaten Eures Ahnen. Ja, er hat zusammen mit dem Erzbischof und dem Bischof von Roskilde gegen den König und dann gegen die Königinwitwe Krieg geführt. Vor allem hat er aber gegen die Menschen hier Krieg geführt! So sehr, dass noch heute Bettler, gibt man ihnen ein Almosen mit der Fürbitte um Seelenheil für den blutigen Jaromar, dieses empört ausschlagen!”
Der Ranenprinz wird ganz blass, seine Augen weiten sich immer mehr, beginnt am ganzen Körper zu zittern. „Bitte, Herr, sagt mir alles, verschont mich nicht.” Auch Satko schaut mit erschrockenem Blick zum Herzog.
„Weit über ein Jahr lang verheerte Euer Großvater unser Land. Zuerst zog er über Seeland bis nach Kopenhagen und eroberte Stadt und Königsburg, dann wütete er auf den anderen Inseln. Auf Bornholm belagerten seine Ritter und Kriegsknechte die königliche Lilleborg. Was heißt hier belagern! Er ließ sie mit seinen Bliden in Grund und Boden schießen, über zweihundert Verteidiger fanden den Tod! Auf Schonen trat er schließlich vor seinen göttlichen Richter: durch die Hand einer Bauersfrau! Nachdem er ihren Mann getötet hatte und ihr selbst Gewalt antun wollte.”
Wislaw schlägt mit dem Kopf auf das Schachzabelbrett auf, sodass die Figuren zu Boden fallen.
„Doch das schlimmste Verbrechen des blutigen Jaromar fand gleich am Anfang seines Kriegszuges statt, nur eine Tagesreise von hier: Vor der Stadt Næstved, am Hof Husvolden, schlugen seine Leute das Bauernheer der Königin. In einem furchtbaren Gemetzel ließen zehntausend Menschen ihr Leben! Und der Bischof von Roskilde, Peder Bang, verwehrte diesen armen Seelen das christliche Begräbnis! Das war am Tage vor Sankt Veit 1259.”

Wislaw springt auf. Stößt dabei das Zabelbrett von dem Tisch. Läuft in die Mitte des Saals. Reißt die Arme hoch. Beide Hände vor dem Gesicht: „NEEEIIIN!” Fällt auf die Knie. Bricht zusammen. Und bleibt leblos auf dem blanken Steinboden liegen.
Ein Gärtner, der vor den Fenstern gearbeitet und den Schrei gehört hatte, kommt, um Hilfe zu leisten. Auch Margarete eilt in den Saal und bleibt vor Schreck erstarrt stehen. Satko will gerade zu seinem Herrn und ihm beistehen, doch der Gärtner ist bereits beim Fürstensohn. Wislaw hebt langsam den Kopf, blickt nach oben. Er sieht über sich den Bauern mit dem hageren Antlitz, dem schütteren Bart und dem durch den Wind zerzausten Haar. Ihm ist, als strahle ein Lichtschein. Ganz leise, fast gehaucht: „Christus?” „Verzeiht, Herr, ich heiße Klaus, Klaus aus Næstved.” „Næstved?” „Ja, von dort bin ich gebürtig, Herr.” „Starb Euer Vater auch dort ... in der Schlacht?” „Ja, Herr.” „Verzeiht, bitte, bitte, verzeiht.”
Dann passiert das nie Dagewesene: Der Prinz drückt sein tränennasses Gesicht zu Füßen dieses Bauern in den Staub.
Es ist so still, dass man eine Stecknadel fallen hören könnte. Alle schauen wie gebannt nur auf diese eine Szene. Der Gärtner Klaus weiß nicht, wie ihm geschieht. Margarete, von Satko gestützt, hält die Hände vor ihrem offenen Mund. Langsam erhebt sich Herzog Waldemar von seinem Sitz.
Nach einer gefühlt unendlichen Zeit richtet Wislaw seinen Oberkörper auf, kniend erhebt er seine rechte Hand zum Schwur und gelobt mit tränenerstickter, aber klarer Stimme: „Ich kann die armen Toten nicht wieder lebendig machen, ich kann nur ein Zeichen der Reue und Demut meiner Familie setzen. So möchte ich, nur in grobes Sackleinen gehüllt, ein Sühnekreuz in harter Arbeit selbst bemeißeln und am Ort der größten Untat meines Großvaters errichten. Das schwöre ich bei allen Heiligen! Der Herr im Himmel und alle hier sind meine Zeugen.”
Nachdem Satko Margarete mitgeteilt hatte, wie das alles passiert ist, tritt sie vor den Herzog: „Musste das wirklich sein, Herzog?! Auch Ihr stammt von Fürst Jaromar ab. Falls Ihr es vergessen haben solltet: Eure Mutter war seine Tochter.” „Ja, Prinzessin, es musste sein! Es ist mehr als wichtig, vor allem für Wislaw selbst. Er wird eines Tages Fürst der Rujanen sein, nicht ich.”
Inzwischen ist Satko bei seinem Herrn und schaut ihn fragend an. Dieser legt seine Hände auf die Schultern des Knappen. „Satko, mein Freund, einst hatte ein Kaiser das Sackleinen genommen, um sich dem Papst zu unterwerfen. Ich werde es nehmen, um etwas viel Wichtigeres zu tun. Du wirst mir dabei nicht zur Seite stehen, auch wenn das sonst deine Pflicht wäre und ich weiß, dass du das von Herzen gern machen würdest. Deine Pflicht ist es jetzt, Prinzessin Margarete in dieser Zeit zu unterstützen. Das, was nun kommt, muss ich ganz allein tun.” Satko schluckt. Wie gern würde er seinem Herrn beistehen, aber er ist nun mal der Knappe und muss dessen Befehlen folgen. Wislaw, der einfach nicht anders kann: „Komm, nimm es nicht so schwer. Es ist für uns alle gut. Du wirst sehen.”
Der Rujanenprinz tritt zu Margarete, geht vor ihr auf die Knie, nimmt sein silbernes Schapel vom Haupt und reicht es ihr mit den Worten: „Edle Dame, nehmt dies als meinen Minnenpfand. Ihr seid stets in meinem Herzen, ganz gleich, was die Zukunft bringen mag.” Dann verlässt Wislaw wortlos den Saal.
Noch am selben Abend erscheint er ein letztes Mal am Hof, im Gewand eines Bettlers. Er reicht seinem Knappen, bis auf seine Bruche, sämtliche Kleider: Cotte, Beinlinge, Schuhe, Gürtel mit Gürteltasche, Almosenbeutel und Nierendolch, Bundhaube, Handschuhe, selbst das Leinenunterhemd. Wislaw geht hinunter in die Stadt zur Kirchenbauhütte. Dort wird er unter Anleitung des Steinmetzes in den kommenden Tagen einen Stein zu einem Kreuz behauen. „Nehmt diesen gotländischen Kalkstein, er ist leichter zu bearbeiten, als harter Granit, und zugleich haltbarer, als Sandstein.” Am Ende der Woche ist das Sühnekreuz fertig und ganz ansehnlich geworden, sogar mit einer einfachen Gravur des gekreuzigten Heilands. Wislaws Hände sind wund, seine Arme und Schultern schmerzen, das grobe Leinenzeug scheuert überall.

Am kommenden Morgen verladen Wislaw und der Steinmetz Per das Sühnekreuz auf einen mit Stroh ausgepolsterten Gabelkarren. Als der Handwerker gerade an einer der beiden Deichseln zugreifen will, schüttelt der Prinz seinen Kopf: „Nein, Meister. Ich danke Euch sehr für Eure ganze Hilfe, aber das Kommende muss ich nun ganz allein tun!” „Ihr wollt den Wagen allein ziehen? Seid Ihr sicher? Es ist ein langer Weg bis Næstved, und das Kreuz müssen mindestens zwei Mann aufstellen.” „Ja, ich bin mir sicher. Es muss so sein! Gott möge Euch immer schützen.” Mit diesen Worten verlässt Wislaw, das Zugseil der Deichseln um den Oberkörper gespannt, den Bauhof. Ratlos schaut Per ihm nach.
Genauso ratlos ist man auf der Königsburg. Satko zerreißt es fast das Herz, und das ist ihm auch deutlich anzusehen. Er weiß, dass er seinen Herrn nicht verraten darf, aber zugleich ahnt er die Gefahren, denen sich dieser aussetzt. Was soll er tun? Der Steinmetz ist zur selben Zeit auf dem Weg zur Burg. Er muss versuchen, dort jemanden davon zu überzeugen, dass Wislaw gefolgt und im Notfall Hilfe gewährt wird. Der ist ja mit seinem schweren Karren und dazu seiner Erschöpfung durch die Arbeit an den Tagen zuvor sicher nur langsam unterwegs, sodass er zügig eingeholt werden kann.
Margarete, Satko und all die Anderen wissen zwar, dass Wislaw ein Sühnekreuz in Næstved errichten möchte, aber wann und wo genau ist ihnen nicht bekannt. Margarete: „Satko, du siehst schlecht aus. Dir geht es nicht gut, seitdem dein Herr weg ist?” „Ja, Herrin, ich mache mir große Sorgen. Aber mein Herr hat mich verpflichtet, nicht bei ihm zu sein.” „Erzähle mir, wie du sein Schildknappe geworden bist!”
Satko erzählt seine Geschichte, auch in der Hoffnung, sich dadurch abzulenken.

„Das war vor ein paar Jahren. Ich war damals mit drei anderen Knaben als Edelknecht auf der alten Fürstenburg zu Bard, direkt vor der Stadt gelegen, wenn man aus meinem Heimatdorf Zatel kommt. Zu jener Zeit war der Ritter Hinrik von Vitzen Vogt auf dieser Burg. Meine Gefährten als Knechte waren dessen Sohn Arnold, Nicolaus de Starkowe und Unko von Alkun, allesamt Kinder von Ritterfamilien aus dem Lande Bard. Nicolaus war der Jüngste, gerade erst mit sieben Jahren auf die Burg gekommen, und ich hatte mit knapp vierzehn Jahren meine Pagenzeit fast herum. Arnold und Unko waren damals gerade im schwierigen Alter. Außer manchen gegenseitigen Hänseleien und Ärgereien waren wir im Grunde aber ganz gute Freunde. Der Burgvogt und seine Leute konnten kaum über uns klagen.
Dann, im Jahr des Herrn 1284, erschien unser Fürst Wislaw auf der Burg. In seinem Gefolge war auch sein ältester Sohn, der bald danach an den Regierungsgeschäften teilnehmen sollte. Der Fürst teilte uns mit, dass die Bürger der Stadt von ihm verlangt hatten, die Burg abzubrechen, genau so, wie viele Jahre zuvor schon die andere Burg direkt am Wasser. Und er wollte dem nachkommen und dafür einen neuen Fürstenhof in der Stadt errichten lassen. Gute Beziehungen zu den Barder Bürgern seien ihm wichtig.
Wir fielen natürlich erst einmal aus allen Wolken. Unko behauptete ganz großspurig, den Bardern das Trinkwasser absperren zu können: ’Die spinnen wohl! Denen klauen wir das Wasser! Wir auf dem Hof Alkun sitzen nämlich an der Quelle.’ Arnold wollte dem nicht nachstehen und nahm dazu noch den Fürsten und dessen Sohn in sein Geschimpfe. Aber das war so flegelhaft, dass ich das Euren Ohren ersparen möchte, edle Frau.” Die Prinzessin, die gern etwas mehr über ihren Minnesänger erfahren möchte und nebenbei auch hofft, dass dadurch dessen Schildknappe auf andere Gedanken kommt, lacht: „Erzähle nur, meine Ohren können einiges aushalten.”
„Seid bedankt, edle Dame! Also gut, Arnold von Vitzen schimpfte: ’Bei denen stinkts wohl, diese Blödmänner! Geben den blöden Barder Tölpeln nach. Unsere Burg schleifen lassen? Diese Stinker! Wir verteidigen die jetzt! Macht ihr mit?’ Dabei schmiss er irgendwelche Einrichtungsgegenstände durch das Zimmer. Ich mahnte ihn darauf: ’Arnold, nun hör doch mal zu! Das ist nicht unsere Burg, sondern die des Fürsten. Mit der kann er machen, was er will.’ ’Aber nicht schleifen lassen!’ ’Doch, wenn er meint, dass das besser ist.’ Unko mischte sich ein: ’Sag mal, Satko, bist du ein Verräter?’ ’Nein, bin ich nicht! Aber strengt mal ein bisschen eure Köpfe an und denkt daran, was wir als Edelknechte alles gelernt haben.’”
Margarete: „Deinem dritten Freund hat das Verhalten der anderen beiden wohl nicht gefallen?” „Für Nicolaus war dieses raue Benehmen nichts. Er las gern und wollte immer mehr wissen. Da wir beide irgendwie seelenverwandt sind, hatte ich ihn unter meine Fittiche genommen. Fürst Wislaw gab ihn nach dem Abbruch der Alten Burg bei Bard auf Wunsch von dessen Eltern an eine Klosterschule in Stralessunt, damit er dort weiter viel lernt und später einmal ein Kirchenamt oder eines in der fürstlichen Kanzlei übernehmen kann.
An dem Tag ging es dann so weiter. Arnold: ’Mensch, Nikolai, sag doch auch mal was! Mann, Mann, Mann, Satko, zieh dir ein Narrengewand an und geh an den blöden neuen Hof vom Wislaw und dudele denen was mit deinem Dudelsack vor!’ Unko: ’Aber zuvor kommen wir zu euch nach Zatel und schleifen euch den Wehrturm weg! Dann stinkst du aber so richtig ab!’” Margarete muss über dieses alberne Gerede herzhaft lachen. Auch Satko geht es jetzt so. Damals war ihm aber nicht zum Lachen zumute.

Die Prinzessin ist neugierig geworden: „Du spielst einen Dudelsack, Satko?” „Ja, hohe Dame, einen kleinen für helle Töne, keine Brummsackpfeife. Manchmal begleite ich meinen Herrn darauf, wenn er ein Minnelied singt oder einen Spruch sagt. Was wir noch nicht ausprobiert haben, ist, dass er Harfe spielt und ich zugleich Sackpfeife. Das müssen wir unbedingt mal machen.”

„Du hast ja noch gar nicht berichtet, wie ihr euch kennengelernt habt.” „Verzeiht, edle Prinzessin. In dem Moment, als Unko z Alkuna meinte, mir drohen zu müssen, kam der junge Wislaw herein, der - das konnten wir leicht erahnen - uns an der Tür belauscht hatte. Obwohl, viel war dazu nicht nötig, so laut wie wir waren. Er gab uns auch gleich zu verstehen, was er von dem Ganzen hielt: ’So, außer dieser alten Burg hier, wird keine weitere geschliffen. Und ihr kühlt jetzt erst einmal eure Gemüter ab und hört mir zu! Wisst ihr, warum die Sitze eurer Eltern und die der anderen Ritterfamilien alle kleine Hügel mit Wassergräben darum und Holztürmen darauf sind? Weil wir in unserem Land Neuem gegenüber schon immer aufgeschlossen waren. Ganz früher kannten wir das nämlich nicht, und hatten auch auf dem festen Land Rügen kaum Burgen zur Verteidigung. Nur auf der Insel gab es schon immer gute Burgen. Als sich die sassischen Ritter - wie deine Ahnen, Arnold - hier niederließen, brachten sie diese Bauweise mit, und die slawischen Ritter - wie deine Vorfahren, Unko - haben sie übernommen. Einfach, weil man gut damit das Land schützen kann. Heutzutage gibt es aber auch Städte, die genauso für unser Land wichtig sind, und um die sich der Fürst ebenfalls kümmern muss. Deshalb wollen wir einen Hof in der Stadt bauen. Es ist nicht nur ein angenehmeres Leben, als auf einer alten Burg. In eine Stadt, gerade eine mit Hafen, wie Bard es ist, kommen oft Menschen aus anderen Ländern, die neue Ideen und Künste mitbringen. Wenn ihr einmal in Stralessunt sein solltet, dann geht in die Annenkapelle und schaut euch das Bildnis an. So etwas Schönes gibt es weit und breit nirgends woanders. Auch dessen Meister kam von auswärts.’
Ich war ganz erstaunt und begeistert von dem großen Wissen und dem Einfühlungsvermögen des Prinzen, wie er es geschafft hatte, Unko und Arnold zu besänftigen. Und der junge Fürst muss es mir wohl auch angesehen haben, dass mir das gefallen hat. Jedenfalls sagte er dann zu mir: ’Satko, ich habe gesehen, wie deine Augen geglänzt haben. Du wirst in ein paar Wochen vierzehn Jahre alt. Das ist die Zeit, zu der ein guter Edelknecht Knappe wird. Ich würde dich gern als den Meinigen annehmen.’ Kurz danach zogen der Fürst mit Sohn und Gefolge und mit mir in unseren kleinen Weiler Zatel. Beim Anblick des Wehrturms unserer Wasserburg musste Wislaw der Junge lachen: ’Da hätten sich Arnold und Unko aber ganz sicher übernommen.’ Der Rest war ganz einfach: Meine Mutter Johanna und mein Vater Teszek gaben mich mit guten Wünschen in die Obhut des Rujanenprinzen. Und ich freute mich darauf!”

Satko und Margarete haben über diese Geschichte die Gegenwart vergessen. Jetzt kommt sie in Gestalt des Steinmetzes Per unerbittlich zurück.
Per, der wegen seines Anliegens vorgelassen wurde, erscheint in Begleitung des Burghauptmanns und fällt vor der Prinzessin auf die Knie: „Hochedle Dame, ich bitte Euch: Der Prinz Wislaw von Rügen ist in großer Gefahr. Bitte, bitte, helft ihm!” „Nun, erzähle! Was ist passiert?” Der Steinmetz berichtet davon, dass Wislaw heute früh mit einem Karren und dem Steinkreuz darauf nach Næstved aufgebrochen ist und jegliche Hilfe abgelehnt hat. Und er schildert seine Angst, da er um dessen Anliegen weiß, und um die Stimmung unter den Næstvedern. Mit „Ich danke dir!” entlässt Margarete den Steinmetz, hält aber kurz noch den Burghauptmann zurück: „Schicke einen Boten nach Roskilde zum Bischof, mit einem Schreiben, das ich dir gleich übergeben werde! Und gib ihm Begleitschutz mit!”
Als das erledigt ist: „Wir werden umgehend losreiten, auch Ihr, Herzog! Und wir lassen uns ebenfalls durch Bewaffnete eskortieren.” Satko ist erleichtert. Herzog Waldemar besteht darauf, den jungen König Erik mitzunehmen. Wenig später setzt sich der Zug gen Norden in Bewegung. Als sie auf der Næstveder Straße die Ostseebucht von Dybsø erreichen, haben sie auch den Prinzen eingeholt. Dieser kommt mit seinem Wagen nur noch langsam voran, hat aber zum Glück die etwa zweitausend Fuß entfernten Reiter noch nicht entdeckt. Die Verfolgergruppe ist sich einig, dass sie möglichst geräuschlos Wislaw mit Abstand folgen und erst einschreiten, wenn akute Gefahr besteht. Auf diese Weise gelangen der Prinz und sein irdischer Beistand vor die unbefestigte Stadt, die von der Kirche des Heiligen Martin und von der gerade im Neubau befindlichen Peterskirche überragt wird.
Wislaw hatte sich den Namen des Hofes gemerkt, bei dem diese mörderische Schlacht stattfand, und so fragt er einen Hütejungen, ob das da vor ihm der Hof Husvolden sei. Der Junge schaut auf das Kreuz auf dem Karren, dann auf den ärmlich Gekleideten und schließlich auf dessen rötliche Haare. Bekommt mit einem Mal den Schrecken ins Gesicht und rennt ohne ein Wort fort in Richtung Stadt. Der Rujane glaubt, dass sein Anblick ihn verschreckt hat. „Kind, das habe ich nicht gewollt!”, ruft er ihm mehr halblaut nach und zieht weiter. Diese Begegnung blieb allerdings nicht unbeobachtet.

Als später der Prinz den Hof Husvolden erreicht, erwartet ihn schon eine aufgebrachte Menge. Der Hirtenknabe hatte erzählt, wem er begegnet sein muss. Und sie schreien: „Bist du einer aus dem Drachengeschlecht?!” „Ja, bist du so einer?!” „Seine roten Haare verraten ihn!” „Was willst du hier, he?!” „Euch um Verzeihung bitten.” „Ha, er gibt es zu!” Und es kommen noch mehr: aus Næstved, aus den Nachbardörfern. Es muss sich wie ein Lauffeuer herumgesprochen haben. „Das ist Wislaw, der junge Fürst!” „Drachenbrut! Drachenbrut!” Dieser will wie zum Beweis seiner Absichten das Sühnekreuz vom Wagen ziehen, doch er schafft es nicht, stolpert, fällt hin. „Drachenbrut! Drachenbrut!” Wislaws Beschützer galoppieren heran. „Drachenbrut! Drachenbrut!” „Spießt ihn auf!” „Drachenbrut! Drachenbrut!” „Entmannt ihn!” „Drachenbrut! Drachenbrut!” „Schlagt ihn tot!” Einer holt schon mit einem Knüppel aus. „Drachenbru...”
„AUF-HÖ-REN!” Margarete wirft ihren Mantel auf Wislaw. Die Angreifer sind wie versteinert. „Wollt ihr, dass das nie aufhört? Wollt ihr das? Dieser hier ist gekommen, um für die Taten seines Großvaters Buße zu tun. Er will euch um Verzeihung bitten. Das will er. Du mit dem Knüppel, sag, was wurde deiner Familie angetan!” „Herrin, ich habe keine Familie. Ich wurde als Findelkind vor die Kirchentür gelegt. Später habe ich erfahren, was meinen Eltern und Geschwistern angetan wurde, damals 1259.” „Du hast alles Recht der Welt, den blutigen Jaromar zu hassen. Aber nicht ihn. Nicht ihn.” Margarete kommen Tränen.
Es ist ruhig, unendlich ruhig. Ehrfurcht vor dem Mut der Prinzessin. Die Kraft ihrer starken Worte. Nachdenklichkeit. Besinnung.
Margarete nimmt den Mantel wieder von Wislaw herunter. Dieser erhebt sich langsam, haucht ein „Danke, tausendmal Danke.” Und will abermals das Steinkreuz holen. Der mit dem Knüppel, er heißt Kurt und hat diesen schon längst weggelegt, kommt auf den Ranenprinzen zu. Beide schauen sich an, sagen kein Wort. Aber ihre Blicke sagen: Lasst uns verzeihen. Dann greift Kurt nach dem Kreuz. Gemeinsam schieben sie es von dem Karren, richten es auf und halten es bis andere daneben ein Loch gegraben haben, in das es hineingestellt werden kann.
Der Enkel des Täters und der Sohn eines Opfers sinken gemeinsam vor dem Kreuz auf die Knie und beten, immer mehr tun es ihnen gleich, bis alle, die auf diesem Feld sind, der Opfer der Schlacht von Næstved im Gebet gedenken.

Später spricht der junge König: „Folgt mir nach Næstved! Wir werden in der Sankt Martinskirche für die Zukunft sorgen!” Als sie alle, vom König bis zum ärmsten Bauern, vor der dem Heiligen Martin von Tours geweihten Kirche ankommen, werden sie schon vom Bischof Ingvar von Roskilde, seinem Gefolge und dem Priester der hiesigen Kirche erwartet.
Es ist eine ergreifende Messe. Der Bischof lässt, eingebettet in die biblische Geschichte, die Geschichte des Zusammenseins und der Gegnerschaft von Dänen und Ranen vorüberziehen: als beide Völker noch Heiden waren, als die Dänen schon Christen und die Ranen noch Heiden waren, als die Heilsgeschichte schließlich auch die Ranen erreicht hat, die gegenseitigen Raubzüge und Kriege und die gemeinsamen. Es ist eine Geschichte der Hassliebe. Und seine Sehnsucht ist, dass die Silbe „Hass” aus diesem Wort für immer gestrichen wird. „Schaut auf dieses Wandbild da oben! Schaut, wie der Heilige Martin seinen Mantel geteilt hat mit dem Bettler! Prinzessin Margarete, Ihr habt auf Eure Weise Euren Mantel geteilt und so dem Prinzen der Rujanen Schutz gewährt. Prinz Wislaw, Ihr habt Euch in Demut wie ein Bettler in Sackleinen gehüllt. So tretet beide vor den Altar!”
Margarete und Wislaw knien zu beiden Seiten des Bischofs darnieder. Dieser fasst das grobe Kleid des Prinzen und zieht es ihm über den Kopf. Nur die Bruche bedeckt die Blöße dieses schönen jungen Manns, dessen bernsteinfarbenes Haar staubig ist, wie man ihm auch sonst die Strapazen der letzten Tage ansieht. Bischof Ingvar bekreuzigt die Stirn Wislaws und küsst sie. Dann bringt der Diakon ein reines, weißes Leinenhemd, mit dem der Bischof den Prinzen nun bekleidet. „Ab heute soll nur noch Versöhnung und Freundschaft zwischen den Menschen unserer beiden Länder sein, wie sie unser aller Herr vorgelebt hat. Um das zu besiegeln, was zugleich auch der Wunsch dieser zwei Edlen ist, werde ich Euch, Herr Wislaw, und Euch, Frau Margarete, hier vor dem Angesicht Gottes einander verloben. Der Herr segne Euch!”
So mancher schämt sich, Wislaw Gewalt antun gewollt zu haben. So manche hat Tränen der Ergriffenheit in den Augen. König Erik weiß: Der wird dereinst sein liebster Lehensmann sein. Herzog Waldemar ist mit sich und der Welt zufrieden. Dem Knappen Satko hüpft das Herz.

Vor der Kirche werden die frisch Verlobten von einer lachenden Menge umringt: „Wir haben bei uns eine Sitte, die ihr befolgen müsst. So ist das Gesetz. Das könnt ihr nicht umgehen!” Prinz und Prinzessin heben die Arme, als wollten sie sich ergeben. „Jetzt müsst ihr in den Badezuber! Und eure Gewänder werden derweil von uns gewaschen.” Wislaw ganz erfreut: „Genau die gleiche Bauernsitte gibt es seit eh und je bei uns. Wir sind doch gar nicht so verschieden.” Und schon führen die Weiber Margarete und die Männer Wislaw fort in Richtung Badestube. Dort werden beide entkleidet. Sich zu wehren, wäre zwecklos. Satko muss auch die Kleidungsstücke seines Herrn herausgeben, die er in einem Umhängesack mitgeführt hat.
Für beide ist das warme Wasser ein Labsal. Die einzigen Schläge, die Wislaw erdulden muss, sind die mit Birkenruten. Sie schauen sich an. Lange. Dann: Margarete umarmt seine Schultern, zieht ihn an sich ran: „Mein Wislaw!” Dieser tut es ihr gleich: „Meine Gretka!” Ihre Weinbecher fallen dabei vom Bord ins Wasser. Egal. Sie küssen sich. Lange. Sie sind glücklich.

Wislaw und Margarete im Badezuber

Sie vergessen Zeit und Welt. Doch einmal heißt es irgendwann: „Hinaus aus dem Zuber! Wir kleiden euch jetzt an.” Oh Schreck, die Gewänder waren wohl doch etwas zu heiß gewaschen worden. Sie liegen nun enger an, Margaretes goldgelbes Kleid und Wislaws weinrote und silbergraue Mi-Parti-Cotte. Diese wurde sogar dadurch noch ein Stückchen kürzer, sodass seine nach wendischer Sitte gemusterten Beinlinge auffallen. Der Schreck darüber ist schnell verflogen: „Gretka, wie schön du bist!” „Das war keine schlechte Idee, das mit dem heißen Waschen, Wislaw.” Beide lachen. Margarete breitet abermals ihren mit Feh besetzten Tasselmantel über Wislaw aus, diesmal aber so, dass sie gemeinsam unter ihm vereint sind. Sie umarmen und küssen sich. Und vergessen abermals Zeit und Welt.
Diesmal ist es der Priester der Kirche von Kirkerup, der sie mit einem verschmitzten Lächeln zurückholt: „Edles Paar, wir sind hier ja nicht so streng, wie in den Ländern der Mittagssonne ... Nun ja, ihr wisst, was ich meine ... So wie ihr euch eben umarmt habt ... Ich glaube, das gäbe ein schönes Wandbild für unsere Kirche.”

Wenn ihr wissen wollt, zu welcher Wandmalerei der Priester der Kirche von Kirkerup durch das frisch verlobte Paar Margarete und Wislaw inspiriert wurde, dann schaut euch diese Abbildung an: „Liebespaar, Kalkmalerei in der Kirkerup Kirke” (Fresko_Kirkerup_Kirke.jpg), kurz nach der Mitte dieser Seite.

Den frechen Edelknechten auf der Alten Burg zu Barth hatte Wislaw empfohlen, sich dieses Bildnis der Anna Selbdritt in der Stralsunder Annenkapelle anzuschauen: „Anna Selbdritt (1260-70) in der Kirche St. Nikolai zu Stralsund” (Gard4_Stralsund6.jpg), am Ende der Beschreibung des mittelalterlichen Stralsunds zur Zeit des Fürstentums Rügen auf dieser Seite. Leider ist die Skulptur heute unvollständig und nur noch an wenigen Stellen bunt bemalt. Die Kapelle gibt es auch nicht mehr, deshalb seht ihr die Anna heute in der Kirche St. Nikolai.

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